Schutz- und Trutzstadt deutscher Kultur

„Die Lehrer fragen die Schüler, welcher Unterschied wohl zwischen Pompeji und Weimar bestehe? Sie erhalten dabei die Antwort: Pompeji wurde im Jahr 79 zerstört, Weimar wurde im Jahre 1937 vom Reichsstatthalter Sauckel zerstört!“ (Berliner Tagesblatt 19.10.1937)

Bauen war als „Wort aus Stein“ ein wesentlicher Bestandteil nationalsozialistischer Politik und Propaganda. So auch in Weimar, der Stadt, die für die Nationalsozialisten eine besondere Bedeutung hatte. Von 1936/37 strebte der Reichsstatthalter und Gauleiter Fritz Sauckel, einer der einer der hitlertreuesten und aktivsten NSDAP-Parteigenossen eine bauliche Umgestaltung des historischen Weimar an.

Der Plan der Nationalsozialisten sah es vor, die Geschichte der verhassten Weimarer Republik zu überschreiben, ja regelrecht auszuradieren. Stattdessen sollte die Stadt zum erfolgreichen Kampfort gegen die Demokratie stilisiert werden und nachhaltig nationalsozialistisch besetzt werden. Und Baumaßnahmen schienen dabei das Mittel zur Wahl.

So sollten symbolträchtige Einrichtungen und Gebäude der Weimarer Republik, wie etwa der Regierungssitz, mit neuer nationalsozialistischer Bedeutung versehen werden, durch den Einzug nationalsozialistischer Ministerien und durch die architektonische Umgestaltung.

„Die örtlichen Neubauprojekte standen im engen Zusammenhang mit den neuen erweiterten Funktionen, die der Stadt Weimar von den Nationalsozialisten zugedacht waren. Die Quantität der Baulichkeiten steht in direktem Verhältnis zum Umfang und zum Stellenwert, der den Funktionen Weimars als Kultur- und Gauhauptstadt beigemessen wurde. Ihre architektonische und städtebauliche Durchbildung demonstriert zudem das Selbstverständnis des jeweiligen Bauherrn und Nutzer innerhalb des Dritten Reiches“, schreibt die Historikerin Karina Loos.

Die Spuren dieser radikalen Umgestaltung sind heute noch in der Stadt zu finden. Bei einer Führung mit der Mitarbeiterin der Gedenkstätte Buchenwald, Annette Schmitz, erforschten wir diese Orte und versuchten ihre Bedeutung als Erinnerungsorte zu verstehen. Nicht alle sind bei gleichermaßen offen und kritisch mit ihrer Vergangenheit.

Das Gauforum

Gauforen sollten Zentren der Nationalsozialistischen Städte sein und dabei Verwaltungsbau und öffentlicher Ort zugleich sein. Sie wurden so zum Hauptelement der ab 1937 einsetzenden, nationalsozialistischen Neugestaltungsplanungen für zentrale deutsche Städte. Das Gauforum in Weimar sollte beispielsweise der Verwaltungssitz des BDM beherbergen.

Für das Prestigeprojekt der Nationalsozialisten in Weimar, das Gauforum der gesamte Teil des historischen Viertels der Jakobvorstadt abgerissen und der kleine Fluss Asbach umgeleitet werden. 150 Häuser mit 445 Wohnungen, 52 Läden und 27 Werkstätten fielen der gigantischen Baumaßnahme zum Opfer. Am 1. Mai 1937 erfolgte durch Rudolf Heß die Grundsteinlegung der „Halle der Volksgemeinschaft“ und die Umbenennung des Platzes in „Platz Adolf Hitlers“. An der sorgfältig inszenierten Massenveranstaltung nahmen 40.000 Menschen teil.

Das Gauforum in Weimar ist das einzige beinahe fertig gebaute in Deutschland und sollte als Prototyp die Gestaltung weiterer Foren in anderen Gauhauptstädten prägen.

Die massive Anlage zeigt deutlich den Führungsanspruch der NSDAP, klein sollten die Bürgerhäuser der Stadt Weimar daneben wirken. Hitler persönlich ergänzte den Entwurf um die „Halle der Volksgemeinschaft“ mit 20.000 Stehplätzen und einen Glockenturm, der das höchste Gebäude Weimars werden sollte. Bis 1943 waren alle Gebäude mit Ausnahme der Halle fertiggestellt, bei den Bauarbeiten wurden auch Häftlinge des KZ Buchenwald eingesetzt.

Gauforum

Die Pläne des Architekten Hermann Gieslers bezogen sich auch auf die unmittelbare Umgebung des Gauforums. Im völkischen Heimatschutzstil wurde die vorläufig „X Straße“ benannte neue Straßenführung angelegt, die heutige Ferdinand-Freiligrath- Straße. Sie diente auch als Ersatzwohnungsbau für die ca. 1.650 Bewohner der Jakobsvorstadt, die vom Abriss betroffen waren.

Das Gauforum blieb bis Kriegsende leer, am 1. Mai 1945 wurde der Platz in Karl-Marx-Platz umbenannt. Das „Nicht-Verhältnis“ der Weimarer Bevölkerung prägte auch die Nachkriegsgeschichte des Gauforums in der DDR, erst ab 1999, dem Jahr, in dem Weimar europäische Kulturhauptstadt war, begann man sich mit der Geschichte des Baus auseinander zu setzen.

Die Stadt beschloss, in die geplante „Halle des Volkes“ ein Einkaufszentrum einziehen zu lassen – Das „Weimar-Forum“ eröffnete 2005. Die Halle des Volkes war jedoch nicht Bestandteil des ursprünglichen Gauforums, sondern ein separater Bau, der an das Gebäude angrenzt. Im eigentlichen Gauforum befindet sich derzeit eine Ausstellung, die den Bau thematisiert.

Obwohl die Stadt Weimar in der Fachpresse viel Kritik für die Entscheidung erntete, die einstige „Halle des Volkes“ zur „Halle des Konsums“ umzufunktionieren, wurde die Problematik einer Umnutzung bei diesem Gebäude von der Weimarer Öffentlichkeit kaum thematisiert, so Annette Schmitz, Mitarbeiterin der Gedenkstätte Buchenwald, die Führungen zur Geschichte der Stadt im Nationalsozialismus leitet.

Der Bahnhofsplatz

Der Bahnhofsplatz diente bis 1939 als zentraler Sammelort für diejenigen, die in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert werden sollten. Dabei wurden im November 1938 fast 10.000 Juden aus ganz Thüringen, Breslau, Dresden, Frankfurt, Bielefeld,  Aachen nach Weimar gebracht und vor den Augen der Öffentlichkeit auf dem Bahnhofsplatz von SS-Leuten zusammengetrieben und anschließend unter Schlägen in Lastwagen verladen, die sie ins Lager auf dem Ettersberg brachten.

Bis 1939 fungierte der Hauptbahnhof als Hauptumschlagspunkt für Häftlinge des KZ Buchenwald, zuletzt für große Transporte aus Polen im Oktober 1939. In der Folgezeit wurde der Güterbahnhof genutzt.

Der Bahnhofsplatz ist auch heute nach wie vor kontroverser Ort in Weimar. Jährlich findet hier im Mai ein großer Neonazi-Aufmarsch statt, parallel zu den Gedenkfeiern zur Befreiung des Konzentrationslagers. Die Gäste der Gedenkfeiern, Überlebende des Lagers, werden im Hotel Kaiserin Augusta, das sich direkt am Platz befindet, untergebracht. Dies erzählte uns eine ehemalige Streetworkerin, die gut mit rechtsradikalen Szene Weimars vertraut ist. Leider thematisiert die Stadt diese Problematik des Ortes nicht – es wäre ein leichtes, die Gäste beispielsweise in einem anderen Hotel unterzubringen. Von den Weimarer Bürgern werden jedoch Gegendemonstrationen und Sitzblockaden veranstaltet, um die Aufmärsche der Neonazis zu verhindern.

Der alte Güterbahnhof

Der Güterbahnhof war bis zum Bau der Buchenwaldbahn im Frühjahr 1943 Ankunftspunkt neuer Häftlinge und Ausgangspunkt der Deportationen. In Weimar selbst erfolgte weiterhin das Umrangieren der Züge. Angrenzend am Güterbahnhof befindet sich die Viehauktionshalle, auch „Hetzerhalle“ genannt. Sie diente 1942 als Zwischenlager und Sammelort der Deportierten.

„Nach Kriegsbeginn im September 1939 kamen die meisten für das KZ Buchenwald bestimmten Häftlingstransporte auf dem Güterbahnhof an. Die Deportierten, die aus dem ganzen besetzten Europa stammten, mussten die letzten acht Kilometer bis zum KZ meist zu Fuß über die Ettersburger Straße zurücklegen. Der französische Widerstandskämpfer Floréal Barrier erinnert sich an „Konvois entkräfteter Menschen, die, ihre Toten zurücklassend und umstellt von SS-Leuten mit Hunden, gezwungen waren, diese ,Blutstraße‘, häufig zu Fuß, zu erklimmen, bevor sie sich hilflos in dieser Umwallung aus elektrisch geladenem Stacheldraht wiederfanden, dieser Hölle“.“ (Quelle: Weimar im Nationalsozialismus, ein Stadtplan)

Der Güterbahnhof ist heute ein großer Parkplatz mit angrenzender Brachfläche. Direkt an der Einfahrt zum Gelände befindet sich eine Gedenktafel, die auf die Geschichte aufmerksam macht. Der Ort geht dennoch unter, befindet er sich doch auch fast schon außerhalb des Stadtkerns von Weimar. Passanten verlaufen sich nur schwer dorthin, es weist auch kein Schild den Weg vom Bahnhof – wer den Ort nicht kennt, sich also schon vorab informiert hat, wird eher nicht zufällig darauf stoßen. Es wird zwar an dem Ort daran erinnert, aber nicht bewusst darauf hingewiesen.

Güterbahnhof
Einfahrt zum Parkplatz neben dem Güterbahnhof. Eine Gedenktafel erinnert an die Geschichte des Ortes.

Angrenzend an den ehemaligen Güterbahnhof steht die ehemalige   Viehauktionshalle, der eigentliche Umladeplatz der Häftlinge. Kaum thematisiert, weist kein Schild auf die Geschichte der inzwischen baufälligen Halle hin – es entsteht eher der Eindruck eines Nicht-Ortes am Rande der Stadt, neben Discountern, Parkplätzen, Brachgrundstücken. Die Rießnerstraße, in die die Ettersburger Straße mündet, markiert außerdem eine Grenze innerhalb Weimars: unterhalb liegt das südliche Weimar, die Innenstadt, zwischen dem Vorzeigeteil südliches Weimar (Touristenstadt, Klassik), oberhalb beginnt der Stadtteil Weimar-Nord, der als sozial schwach gilt.

Die Polizeistation im Marstall – Denkmal „Zermahlene Geschichte“ 

Gestapogefägnis
Installation oder Gedächtnisort? „Zermahlene Geschichte“ von Horst Hoheisel und Andreas Knitz ist halb Mahnmal, halb Kunstwerk.

Am 1. Januar 1934 wurde in Weimar die Gestapo-Leitstelle für Thüringen gegründet. Sie war im Weimarer Polizeipräsidium in der Carl-August-Allee untergebracht, das heute Sitz der Thüringer Landesanstalt für Geologie ist.  Die Gestapo verfasste aktuelle Lageberichte über die politische Stimmung der Bevölkerung und meldete dem Reichsinnenministerium die in Thüringen durchgeführten Festnahmen politischer Gegner.

Polizeistation
Im ehemaligen Polizeipräsidium in der Carl-August-Allee 8 befindet sich heute die Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie

Da die Gestapo sich kontinuierlich vergrößerte, zog sie 1936 in das Marstallgebäude, das in den Zwanzigerjahren als Behördengebäude für das neue Thüringische Ministerium für Volksbildung und als Jusitzministerium diente. Aus Raumnot errichtete man im Hof des Marstalls eine Verwaltungsbaracke, die nach Fertigstellung des Gauforums dorthin umziehen sollte. Im gleichen Jahr wurden im Keller Kegelplatz I Gefängniszellen eingebaut. Eine Aufstockung der Zellen fand 1942 statt. Ähnlich wie die Viehauktionshalle wurde ab 1942 die Reithalle als Sammellager für den Abtransport jüdischer Bürger genutzt.

Neben der Verwaltungsbaracke mit doppelwandig isoliertem Vernehmungszimmer befand sich ein Behelfsgefängnis mit zwölf Zellen in der ehemaligen Remise des Marstalls, der Umbau erfolgte durch KZ-Häftlinge aus Buchenwald.

Durch Festnahme von Verdächtigen Personen in „Schutzhaft“ konnte sie diese ohne Beweis, Anklage und Urteil auf unbestimmte Zeit in ein KZ einweisen lassen. Die Gestapo beaufsichtigte und leitete ab 1942 die Deportationen in die Vernichtungslager.

Die Erinnerungskultur des Gestapo Gefängnisses am Marstall ist durchaus künstlerisch, wenn auch kontrovers. In den noch erhaltenen Gestapo-Gefängniszellen im Keller des Hauptgebäudes wird seit 12. April 1999 eine Dauerausstellung des Staatsarchives zur GESTAPO-Geschichte des Ortes gezeigt, sowie eine Asservatenausstellung mit den vor dem Abbruch sichergestellten Gebäudeteilen, in Folientüten aufbewahrt und von der Decke herabhängend im Raum angeordnet.

Betritt man das Gelände findet man sich vor einer quadratischen Fläche mit den geschredderten Überresten des ehemaligen Gestapogebäudes wieder. Sieht man sich genauer auf dem Platz des Denkmals der Zermahlenen Geschichte um, wird man auf Jahreszahlen, geschrieben an die Häuserwände, aufmerksam. Diese stehen für die Ereignisse die in Verbindung mit dem Platz stehen, auch vor der Zeit des Nationalsozialismus. Dadurch bedingt vermittelt der Ort einen bewussten Umgang mit der Geschichte, reflektiert auf die Gesamtheit, nicht nur auf einzelnen Epochen. Die Offenheit des Raumes, das nicht durch Absperrungen freie Feld des zermahlenen Gestapo-Gebäudes bietet eine andere erlebbare, fast offenere, unmittelbarere Auseinandersetzung mit der Geschichte Weimars im Nationalsozialismus.

Schnipsel der Baracke der ehemaligen Gestapozentrale
Schnipsel der Holzbaracke der ehemaligen Gestapozentrale.

Das Nationaltheater 

1926 führte die NSDAP hier ihren ersten Reichsparteitag nach der Neugründung durch. Viele weitere Parteiveranstaltungen folgten. Besonders das zehnjährige Reichsparteitags-Jubiläum 1936 wurde unter reger Beteiligung der Bevölkerung begangen. Eine von Walter Gropius gestaltete Gedenktafel, die an die Verabschiedung dieser ersten demokratischen Verfassung Deutschlands erinnerte, entfernten SA-Leute im März 1933. Eine Nachbildung der Tafel ist heute links vom Eingang zu sehen. Beim Luftangriff vom 9. Februar 1945 brannte das Gebäude aus.

Das Nationaltheater, gesäumt von Einkaufspassagen und Essensläden, lässt durch nichts an seiner schillernden Fassade an seine Geschichte erinnern. Weder an die Zeit um 1918, in der das Theater zur Inszenierung politischen Selbstinteresses genutzt wurde noch an die zahlreich veranstalteten Parteiversammlungen der Nationalsozialisten seit 1924.

Zwei Jahre später wurde im Theater der erste Reichsparteitag der NSDAP abgehalten. Die Zeit in dem das Programm wie auch das Ensemble erst „judenfrei“ gemacht wurde, später das Theater selbst seinen ursprünglichen Zweck verlor und als Rüstungsfabrik der Firma Siemens und Halske dienen musste, merkt man dem Gebäude nicht an. Wohl auch da es zu Ende des Krieges 1945 bis auf die Fassaden zerstört wurde, wenn gleich es als erstes deutsches Theater nach dem Krieg wieder aufgebaut wurde.Hieran vermag wohl nur die Replik der ursprünglichen von Gropius in Bauhaus-Schrift gestaltete Tafel zu erinnern.

Vill ist dieser Ort zu zentral, zu sehr geprägt vom Dasein Goethes und Schillers in Weimar. Allein die präsente Statue der beiden Dichter, immer präsent auf dem Vorplatz des Theater lässt vill keinen Bezug zu der dunklen Zeit des Weimarer Nationaltheaters zu.

Das Hotel Elephant

1936 wurde das Haus in Regie des Reichstatthalters Fritz Sauckel, durch den Verein Elephant e.V. übernommen. Mit einem Neubau des Hauses, das seit der Klassik durch den Besuch vieler berühmter Künstler und der Erwähnung in Thomas Manns Roman „Lotte in Weimar“ eine historische Einrichtung im Stadtbild Weimars war, verschwand ein Stück Geschichte.

Durch Hermann Gieslers Neubau sollte vor allem die nationalsozialistischen Architekturvorstellungen und der neue Machtanspruch unterstrichen werden. Das volkstümliche Restaurant Elephanten-Keller im Gewölbe des Hauses wurde im altgermanischen Stil gestaltet. Der Balkon zur Marktseite war auch als Rednertribüne vorgesehen, baulich durch Fahnenstangen und das Relief des Reichsadlers hervorgehoben. Zum Garten hin wurde im 1. Stock eine Suite nach den individuellen Wünschen Adolf Hitlers gestaltet, die nicht von anderen Hotelgästen benutzt wurde. Zu Hitlers Geburtstag im Jahr 1938 feierte man Richtfest, zum Gautag im November war das Haus bezugsfertig und Hitler sein erster Gast. Aldolf Hitler bewohnte das Haus im Zeitraum von 1926 bis 1936 insgesamt 26mal. Der Markt wurde bei den Besuchen Adolf Hitlers als Aufmarschplatz genutzt. „Lieber Führer, bitte, bitte, lenk auf den Balkon die Schritte“, skandierte die Weimarer Bevölkerung auf dem Rathausplatz.

Heute erinnert von außen nichts daran, dass dies das Lieblingshotel Hitlers war, das nach seinen Vorstellungen umgebaut wurde. Die Hotelleitung geht heute sehr offen mit der Geschichte des Hauses um, weist auf beispielsweise auf ihrer Internetseite daraufhin.

Das Lager Buchenwald 

Buchenwald hatte als Konzentrationslager nicht nur physisch eine repressive Funktion. Das Lager übte auf die Bewohner der Stadt auch eine indirekte Kontrollfunktion aus, zeigte es doch deutlich die Gewaltherrschaft des NS-Regimes. Zum einen „blickte“ es kontrollierend auf die Stadt herab, zum anderen machte es den Bewohnern Weimars deutlich, welche Strafe drohte, wenn man sich dem Regime entgegenstellte.

Der Historiker Jens Schley spricht von einem „Netz von Beziehungen“, in welche das Lager mit seiner Umgebung eingebettet war, es entwickelten sich eine Vielzahl von sozialen Verbindungen zwischen Lager und Umwelt. Die Lager waren alleine nicht überlebensfähig, waren deshalb auf infrastrukturelle Beziehungen zur Umgebung angewiesen. Es kam zu einem regen wirtschaftlichen Austausch zwischen Weimarer Firmen und dem KZ. So stellte die Weimarer Bauholzfirma Grosch für den Aufbau des Lagers 1937 Lieferwägen bereit und übernahm die Weiterverarbeitung der gefällten Baumstämme, der Bürowarenhändler Lösch schickte Desinfektionsmittel und Packpapier, die Binderei Gundermann lieferte Rohrstöcke und der nach 1933 zum Großhändler aufgestiegenen Weimarer Lebensmittelhändler Thilo Bornschein übernahm zwischen 1939 und 1942 die komplette Versorgung des Lagers komplexes mit Nahrungsmitteln.

Es gab keine „offizielle“ Haltung der Stadt Weimar zum Lager Buchenwald. Es liegen, abgesehen von dem Schreiben der Weimarer NS-Kulturgemeinde, in dem diese gegen die Benennung des Lagers nach dem Ettersberg der ein beliebtes Naherholungsziel war, Einspruch erhebt, und den Berichten des Generalstaatsanwalts Wurmstich über den Unmut der Weimarer Bevölkerung bei Errichtung des Lagers, keine allgemeinen Aussagen der Behörden der Stadt und der in Weimar sitzenden Institutionen des Landes zu Buchenwald vor.

Es gibt auch keine Belege dafür, ob die Errichtung des Lagers von den Behörden der Stadt bis hin zum Oberbürgermeister im Juli 1937 begrüßt oder abgelehnt wurde. Dieses „Nicht-Verhältnis“ prägte auch den Umgang der Weimarer Bevölkerung mit dem Lager, das in der öffentlichen Meinung durchaus thematisiert wurde. Ihre erste Erfahrung im Bezug auf das Lager war, dass es im Sommer 1937 plötzlich existierte. Eine Initiation des gegenseitigen Verhältnisses wie 1933 in Dachau und Oranienburg hat es in Weimar nicht gegeben, auch wenn die Stadt wirtschaftlich vom Lager profitierte.  Doch auch Unternehmen in den benachbarten Städten Jena und Erfurt bereicherten sich durch den Lagerbetrieb. Topf und Söhne, ein Hersteller von Einäscherungsöfen von Krematorien in Erfurt, der in den Zwanzigerjahren Marktführer war, stellte ab 1939 Leichenverbrennungsöfen für die SS her und bestand auch nach Ende des Krieges fort, die Firma Carl Zeiss in Jena beschäftigte Zwangsarbeiter.

Um das Buchenwaldmahnmal von Fritz Cremer am Ende der „Blutstraße“ ranken sich zwei Legenden: Dargestellt wird einmal die Selbstbefreiung der Häftlinge, das Denkmal erinnert augenscheinlich nur an die politischen bzw. kommunistischen Häftlinge des Konzentrationslagers. Die Gruppe zeigt keine wehrlosen Opfer, sondern heroische Sieger. Die zweite Legende handelt von dem Kind am linken Rand. Eine Geschichte eines jüdischen Jungen der von Häftlingen gerettet wird. Bruno Apitz thematisiert genau diese Geschichte in seinem Roman „Nackt unter Wölfen“, der gleichnamige Film erscheint unter Regie von Frank Beyer 1963.

Ein Erinnerungsort in der Stadt Weimar ist der Ernst-Thälmann-Platz, der im Gedenken an die Toten des KZ Buchenwalds 1945 „Platz der 51.000“ genannt, 1958 in „Platz der 56.000“ umbenannt wurde.

Der Denkmalcharakter des Konzentrationslagers Buchenwald muss in seiner Wichtigkeit und Präsens wohl nicht weiter herausgestellt werden. Er ist der dominierende Erinnerungsort um den sich alles dreht. Wie die Führung Weimar im Nationalsozialismus, die nur in Verbindung mit der Führung durch Buchenwald wahrgenommen werden kann. Sichtschneißen auf den Ettersberg wurden von verschieden Punkten im Weimarer Land gelegt, mit einer Erinnerungstafel zur weiteren Erklärung. Buchenwald steht für sich, als Erinnerungsort und auch als Mahnmal.

Literatur
  • Weimar Stadtansichten im Wandel, herrausg. Texte und Textzusammenstellung Rainer Wagner, Thiele & Schwarz Verlagshaus GmbH, Kassel, 1992
  • Gauforen Zentren der Macht, Zur nationalsozialistischen Architektur und Stadtplanung, Christiane Wolf,  Verlag Bauwesen, Huss Median GmbH, Berlin 1999
  • Das Gauforum in Weimar Ein Erbe des Dritten Reiches aus Vergegenständliche Erinnerungen 3, Norbert Korrek, Justus h. Ulbricht, Christiane Wolf, Bauhaus Universität Weimar, Universitätsverlag, 2. Auflage, 2001
  • Zermalenen Geschichte Kunst als Umweg, Horst Hoheisel, Andreas Knitz, Schriften des Thüringischen Hauptstaatsarchivs Nr. 1, , Weimar, 1999
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