Die alternative Alternative

Die Stadt: Ort des Austausches; Ort der Kreativen; Ort des Spielraumes;  Ort der Alternativen.

Als wir anfingen uns Gedanken über alternative Projekte in der Stadt zu machen, über „anders“ wohnen, und die „Kreative Klasse“, kamen uns automatisch Erscheinungen wie die in den 1970ern in Berlin stattgefundene Hausbesetzerbewegung oder die gegenwärtige blühende Kunstszene in Berlin in den Sinn. Es wird oft vergessen, dass solche Projekte auch außerhalb der Großstadt stattfinden können. Besonders wir Urbanisten, die sich detailliert mit dem Thema „Stadt“ beschäftigen, blenden die Kleinstädte dabei oft aus. Aber welche alternativen Gruppen gibt es in einer Kleinstadt? Können wir in Weimar, der Klassikerstadt, Zuhause von Goethe, Schiller und Ginkgo, Kleinstadt von 65 000 Einwohnern, auf Alternativkulturen stoßen?

Goethe und Schiller am Theaterplatz-die Zwei für Weimar.

In seinem Buch, Die Revolution der Städte schreibt Henri Lefèbvre: „Der Analytiker wird die einzelnen Verstädterungstypen erkennen und beschreiben müssen. Er wird sagen müssen, was aus all den Formen, Funktionen, den städtischen Strukturen werden wird […]“.  Also Lefèbvre, challenge accepted. Mit dem Blick auf alternative Gruppen, versuchen wir festzustellen, inwiefern die Kleinstadt Weimar diese Form des kreativen Ballungszentrums der Großstadt imitiert oder neu definiert.  Inwiefern sind die kleinstädtischen sozialen und politischen Strukturen anders und wie fördern oder hindern sie alternative Projekte im städtischen Raum? Wo und wie stoßen alternative Projekte an die Grenzen des kleinstädtischen Gefüges?  Kann man überhaupt von einer qualitativen Grenze zwischen Großstadt und Kleinstadt reden?

Eher skeptisch recherchieren wir im Vorfeld schon ein bisschen und stoßen prompt auf verschiedenste Projekte. Waren wir da ein wenig voreilig? Zumindest durch die Bauhaus-Uni strömt ja frischer Wind durch die restaurierten Straßen. Nimmt Weimar eine besondere Stellung als Kleinstadt ein, wenn es um Alternativkulturen geht?

Während der DDR-Zeit wurde die Kultur in Weimar, angetrieben von der SED- Kulturpolitik, einheitlicher und einige Institutionen gingen unter, an denen alternative Kultur hätte entstehen und sich weiter entwickeln können. Trotzdem entwickelte sich in Thüringen ein lockeres Patchwork verschiedenartiger Rückzugs- und Freiräume, belebt von unterschiedlichsten Charakteren und Stilen.

Fassade in der Gerberstraße
Fassade in der Gerberstraße

So entstand beispielsweise eine für die DDR bedeutende Punkszene mit den Weimarer Bands KG Rest  und Timur und sein Trupp. Solche alternativen Bewegungen fanden verstärkt ihren Ausdruck nach der Wende. Weimar wurde zu einem Experimentierfeld, die leer stehenden Gebäude und die studentische Euphorie ließen vor allem zwischen 1999 und 2003 eine einzigartige Szene entstehen. Björn Jung, ein aktiver Teilnehmer und Bewohner des Hausprojektes B1, beschrieb die Szene als eine „die ihres gleichen gesucht hat. Die bis heute wenn ich mich dran erinnere ohne gleichen bleibt.“ Es tauchten überall studentische Projekte auf, die teilweise sehr professionell organisiert waren. Dazu gehörten unter anderem das Radio Lotte, das ACC und das Soziokulturelle Zentrum Gerberstraße.

Teil dieses „Kreativpools“ war das nicht-kommerzielle „Jugendhotel Hababusch“, welches  1994 durch eine Gruppe Studierender ins Leben gerufen wurde. Das Hostel machte sich als bunter und alternativer Ort schnell einen Namen in der Stadt und weit darüber hinaus. Das Projekt stand jedoch schnell wieder vor dem Scheitern, da die Stadt das Gebäude nicht langfristig an das Projekt vermieten wollte. Nach Verhandlungen wurde das Gebäude dann von einem Rechtsanwalt aus Bonn gekauft, der das Haus dem Projekt zur Verfügung stellte.

Heute, nach Schließung des Hostels aus persönlichen Differenzen, ist „Hababusch e.V.“ ein  Wohnprojekt, eine selbst verwaltete Wohngemeinschaft mit 18 BewohnerInnen, die kulturelle Veranstaltungen, Konzerte, Gemeinschaftsmahlzeiten (wie die Volksküche) an das städtische Publikum anbietet. (Hier klicken für einen kurzen Beitrag vom ZDF ).

Geht zusammen mehr?
Geht zusammen mehr?

Auch wir können das barocke Gebäude besichtigen, sehen hohe Decken, historische Möbel, viele junge Menschen und sich stapelndes dreckiges Geschirr. Ist das Hababusch doch nur eine große WG?

Schnell begreifen wir, dass eine Philosophie hinter  dem Hababusch steckt, eine Leidenschaft. Denn trotz Druck durch den Vermieter, der nun das Gebäude des Projektes aufwendig sanieren lassen will, hat das Wohnprojekt aus eigener Kraft ein Konzept entwickelt: die Idee ist es, die Wohngemeinschaft zur Eigentümerin des Hauses zu machen und das Gebäude über das Mietshäuser Syndikat gemeinschaftlich zu kaufen. Weiterhin sich selbst verwaltend, will sie die Sanierung des Objekts übernehmen und die Eigentumsstrukturen um das Haus kollektiv gestalten. Das alternative Kulturangebot soll weiter ausgebaut werden und das Haus wieder zur Begegnungsstätte und Kulturinstitution werden lassen. Doch der Vermieter weist das Konzept zurück, während die Stadt anscheinend in dem Projekt eher eine Studentenbude sieht und darin keinen kulturellen Wert erkennt. Seperate Ferienwohneinheiten mit Gastrobetrieb passen eher in das Marketing- und Tourismuskonzept der Kulturhauptstadt.                                                                                                Langsam ist der Akku verbraucht, es erscheint mühsam und zermürbend, eine ständige Ablehnung auch von Seiten der Stadt zu erfahren. Das Wohnprojekt ist eines der letzten alternativen Initiativen in Weimar (neben der Gerberstraße 1+3  ), die versuchen der baulichen Aufwertung und den damit zusammenhängenden Veränderungen der Eigentümerstruktur und steigenden Mietpreisen in Weimar entgegen zu steuern.

„Ich glaube schon das das eine Art Prozess ist, die Kacke ist jetzt langsam am Dampfen, die Mieten steigen, doch es gibt auch einfach noch nicht genug Druck aus der Bevölkerung, die Verwaltung ist da auch einfach noch nicht genug sensibilisiert.“

-Susanne (Mitglied eines Wohnprojektes in der Schwabestraße)
 Das Hababusch Haus wäre das erste nach dem Mietshäuser-Syndikat Modell gemeinschaftlich erworbene Haus in Weimar und würde damit als Pilotprojekt zu einer lebendigen und kreativen Stadt beitragen. Doch so wie es aussieht, resignieren die BewohnerInnen des Wohnprojektes; einer der Hauptinitiatoren vom Hababusch verlässt Weimar und andere werden ihm folgen. Mit der Aufgabe des Wohnprojektes und der Durchsetzung der Renovierung durch den Vermieter würde Weimar ein weiteres wichtiges Stück Kreativ-Kultur in der Innenstadt verlieren.

wandel

Als weiterer zentraler Akteur der derzeitigen Alternativkultur Weimars, welcher versucht Projekte im städtischen Raum zu realisieren, besuchen wir „Weimar im Wandel“, laut eigener Aussage “eine Gruppe engagierter Menschen, die die Transition-Town-Initiative als ganzheitliches Konzept für die Stadt und Region Weimar etablieren wollen.“ Die Gruppe startete im Frühjahr 2011 und realisierte bisher verschiedene Projekte im Stadtraum, wobei die Selbstversorgung durch eigenen Nahrungsmittelanbau eine herausragende Rolle spielt. Da wäre beispielsweise die „Solidarische Vollversorgung“ in Kooperation mit einer Gärtnerei, „Imkern in der Stadt“ und „Wohnen in Weimar“. Als übergeordnetes Ziel wird eine stärkere Vernetzung der einzelnen Initiativen in Weimar angestrebt. Eher am Rande der Stadt gelegen, mit einem 10 minütigen Fußmarsch ist der neue Laden der Bewegung „Wilma“ zu erreichen. Dort wird Stammtisch gehalten, es kann sich ausgetauscht werden, Informationstafeln hängen an der Wand.

Aber wie ist das nun mit dem ganzheitlichen Ansatz für Weimar und Region? Wer nimmt daran teil? Wir haben das Gefühl, dass das Projekt aber noch nicht in Weimar „angekommen“ ist, in der Nachbarschaft herrscht neben Akzeptanz auch Skepsis: viele ältere Bewohner wollen doch keinen “Wandel” und können nichts mit dem englischen Namen der Urbewegung anfangen. Unterstützung von Seiten der Stadt gibt es nicht. Die Transition-Town-Bewegung passt (noch?) nicht so richtig in die ausgeschmückte Klassikerstadt, und ist auch noch sehr leise, marginal und daher fast unsichtbar.

Wie äußern sich Alternativkulturen also in einer Kleinstadt wie Weimar? Augenscheinlich gibt es sie: der alternative Geist und auch die räumlichen Strukturen sind in Weimar besonders stark ausgeprägt. Gebäude wie das E- Werk oder vereinzelt leerstehende Wohnhäuser bieten eine Basis an, die es (besonders in vielen “Weststädten”) sonst eher selten gibt. Tatsächlich spürt man in Weimar enorm viel alternative Energie im Vergleich zu anderen Kleinstädten. Sie lebt von einer Graswurzel-Dynamik und größtenteils von Initiativen der Studenten. Viele Projekte stoßen aber auf Grenzen in der Kommunalpolitik. Es wird keine Notwendigkeit des Vorhandenseins einer lebendigen Alternativszene gesehen, lieber hält man am elitären Akademikerpublikum fest und sieht von der Förderung von Alternativkulturen ab. Während Kulturveranstaltungen wie die Museumsnacht, die Thüringer Bachwochen, und der Zwiebelmarkt von der Stadt Fördermittel bekommen, bekommt das Hababusch e.V. statt Geld einen Räumungsbefehl.

Es ist eigentlich absurd, denn es ist wichtig für Weimar „die Jungen“ zu halten. Die Studenten geben Impulse, aber Weimar ist ähnlich wie viele andere Kleinstädte mit Universitätssitz, ein Transit-Ort. Die Zeit, die die Studenten in Weimar verbringen ist oft zu kurz und die Stundenpläne zu vollgepackt. So kommen kein politisches Denken, kein Zusammenraufen und auch keine Erfahrung zustande und es können schwer beständige und somit auch von der Politik anerkannte Projekte entstehen.

Schon Ende der 90er war die Kulturszene in der Stadt ausgeprägt und auf dieser Basis hätte aufgebaut werden können. Ein großer Einschnitt aber stellt das Jahr 1999 dar, in dem Weimar Kulturhauptstadt wurde. Susanne erlebte mit, wie die ganze Stadt wieder schick gemacht wurde: “Alle Fassaden wurden neu gestrichen und ab dem Zeitpunkt war Weimar dann diese kleine, hübsche Puppenhausstadt“. Und die herausgeputzte Klassikerstadt konnte die unsanierten Besetzerhäuser mit einer aktiven Szene nicht gebrauchen.

Diese Szene in der Stadt zu halten, diese Leute zu fördern, das wurde und wird von der Politik versäumt und auch gezielt unterbunden. Es ist paradox, weil die Bauhaus Universität nach wie vor potenzielle Selbstständige der Creative Class hervorbringt, die eigentlich genau für ein ausdifferenziertes Kulturangebot ausgebildet werden und damit ein weiteres Standbein der Wirtschaft bilden könnten. Irgendwie nimmt die Stadtverwaltung Weimars diesen Alternativgeist nicht als positive Chance wahr, neues Leben in die Stadt zu bringen. Anstatt diese Gelegenheit zu ergreifen und diesen Geist zu atmen, graben sie lieber immer wieder Goethe’s Geist aus.

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