Das Bauhaus – Der Versuch einer Definition

Das Bauhaus. Lässt sich mit nur wenigen Worten der Thematik gerechtfertigt erklären, was sich hinter dem Begriff Bauhaus verbirgt? Nein. Aber es ist ein Versuch.

Als Kunstschule 1919 von Walter Gropius gegründet, verstand sich das Staatliche Bauhaus in seinem Konzept als etwas vollkommen Neues, da es die Kunst und das Handwerk zusammen führen wollte. Mit seinem Ausgangsort in Weimar, über einen Aufenthalt in Dessau bis hin zu seiner letzten Station in Berlin durchlebte das Bauhaus bis zu seiner Auflösung 1933 viele Stationen der Erweiterung. Noch heute gilt es als Geburtsstätte der Avantgarde und oft wird der Begriff der Klassischen Moderne synonym mit dem Begriff Bauhaus verwendet.
Das Wort selbst erklärt einerseits schon sehr genau, worum es sich handelt, führt andererseits aber auch stark in die Irre.
„Bau Haus“ – darin steckt eigentlich alles des essentiellen Wesens des Stils, der sich selbst gar nicht als Stil verstehen will. Mit Hilfe von allen bildenden Künsten und des Handwerks soll ein Gesamtkunstwerk geschaffen werden – ein Ort zum Leben, in dem Sinne also: ein Haus. Gebaut aus einzelnen Elementen und doch als ein zusammenhängender Organismus zu betrachten.
Doch lässt der Begriff wie bereits erwähnt, auch den Trugschluss zu, es handle sich lediglich um die äußere Hülle des Hauses und nicht um jedes noch so kleines Detail. Denn das war es, was den Mitgliedern des Bauhauses wichtig war: jede Schraube, jedes Gewinde, einfach alles sollte bewusst gefertigt werden und auch seinen Zweck erfüllen – nicht nur hübsch aussehen.

Das Bauhaus dabei nicht immer so karg und reduziert sein muss, wie es gemeinhin gern verstanden wird (und ohne Zweifel auch oft gewesen ist!), zeigen unter anderem auch die Entwürfe des belgischen Architekten Henry van de Velde. Van de Velde hat zum Beispiel 1903 das Nietzsche-Archiv in Weimar entworfen und auch sein Wohnhaus „Hohe Pappeln“; welches heute von der Klassik Stiftung Weimar als Museum genutzt wird, zeigt weniger von dem Bild der typischen Außenwahrnehmung des Bauhauses.
Das mag vor allem auch daran liegen, dass nirgendwo genau definiert wurde, was das Bauhaus stiltechnisch „darf“. Vielmehr ging es darum, sich von dem gelebten Historismus und dem Blick in die Vergangenheit zu lösen und mit der Technik und den industriellen Möglichkeiten, die es derzeit gab, nach vorn zu Blicken und neue Ideale zu schaffen.

Weiterführende Literatur:

Ré Soupault: Bauhaus. Die heroischen Jahre von Weimar. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2009

Hans M. Wingler: Das Bauhaus. 1913–1933 Weimar Dessau Berlin und die Nachfolge in Chicago seit 1937. DuMont, Köln 1968, 2002,

Interessante Links zum Thema:

Onlineportal vom Bauhaus-Archiv Berlin, der Stiftung Bauhaus Dessau und der Klassik Stiftung Weimar
Bauhaus-Universität Weimar

Advertisements

Das Bauhaus und die Moderne in der heutigen Wahrnehmung

Wer sich mit dem Thema Bauhaus beschäftigt, stößt in diesem Kontext immer wieder auf die Begriffe „Stil“ und „Moderne“. Dabei verstanden die Gründerväter des Bauhauses es gar nicht als Stil und wenngleich Bauhaus und Moderne eine große Schnittmenge besitzen, so sind sie dennoch nicht einander gleichzusetzen. Um zu überprüfen, ob diese bemerkte Beobachtung tatsächlich häufiger auftritt, habe ich eine Umfrage erstellt, an der im Zeitraum vom 20.-30. Juli 2014 78 Personen teilgenommen haben. Diese Personen wurden über verschiedene Social Media Kanäle wie Facebook und Twitter auf die Umfrage aufmerksam gemacht. Die Umfrage selbst konnte ebenfalls online ausgefüllt werden und beanspruchte eine Bearbeitungszeit von ungefähr 10 Minuten.

Im ersten Teil der Umfrage wurde neben Geschlecht, Alter, Bildungsabschluss und derzeitiger Tätigkeit auch gefragt, ob sich die Teilnehmer privat oder beruflich mit den Themenkomplexen Bau- und Stadtgeschichte, Architektur und Gestaltung, Stadtplanung oder Bauingenieurwesen beschäftigen. Dabei gaben lediglich 26% der Befragten an, beruflich mit einem der genannten Themenkomplexe zu tun zu haben – immerhin 57% gaben jedoch an, sich privat für diese Themengebiete zu interessieren.
Im zweiten Teil wurden die Teilnehmer direkt zum Thema Bauhaus und den Zusammenhängen zur Moderne befragt. Dabei gaben 94% an, dass sie auch einen Zusammenhang zwischen Bauhaus und Funktionalismus sehen. Interessanterweise hielten sich die Antworten bezüglich der Frage, ob die Teilnehmer die Begriffe Bauhaus und Moderne gleich setzen würden, ungefähr die Waage: etwa 50% der Teilnehmer tendierten bei dieser Frage zu einem „ja“, während die andere Hälfte dem eher abgeneigt war – auffallend ist hierbei gewesen, dass kaum jemand ein klares „ja“ oder ein klares „nein“ angab.

Bei der Frage, ob es sich beim Bauhaus um einen Baustil der Moderne handeln könnte, antworteten 55,6% der Teilnehmer zustimmend und 38,9% gaben an, dass das Bauhaus sich selbst nicht als Stil verstehe. Wegweisend für die der Umfrage zugrunde liegende Annahme war auch die Frage, ob das Bauhaus für ein Gesamtkunstwerk stehe und bis ins kleinste Detail (z.B. Türklinken) genau geplant sei (dafür sprachen sich 47,1% aus) oder nur und ausschließlich für einen architektonischen Stil stehe (diese Auswahlmöglichkeit nahmen 52,9% der Teilnehmer in Anspruch). Keiner der Teilnehmer beanspruchte die Antwortmöglichkeit, dass das Bauhaus für stilvolle Inneneinrichtung stehe. Auch die Behauptung „Das Bauhaus steht für Low-Budget-Immobilien mit karger Ausstattung – wichtig ist eine geradlinige Form ohne Schnörkel und zwecklose Verzierungen.“ wurde von 53% der Teilnehmer mit einem deutlichen „ja“ beantwortet.

Diese zum Teil stark fehlerhafte Wahrnehmung des Bauhauses lässt sich aus meiner Sicht mehrfach begründen. Zum einen fehlt es tatsächlich an praktischen Beispielen aus der aktiven Zeit des Bauhaus-Kreises, zum anderen muss man nicht lange und nur oberflächlich suchen, um zum Beispiel in Urlaubsprospekten oder Wohnungsanzeigen auf Passagen wie „[…] schlicht, günstig und modern im Bauhausstil eingerichtet […]“ zu stoßen. Dass dabei die eigentlichen Werte, die das Bauhaus vermitteln will, teilweise komplett verloren gehen, ist äußerst bedauerlich.

Dies unterlegt auch noch eine weitere Frage aus dem Katalog. Es wurde gefragt, welche vorgegebenen Begriffe die Teilnehmer spontan mit dem Bauhaus verbinden – eine Mehrfachauswahl war möglich. Die zweithäufigste Angabe war hier „industriell“, ein Begriff, der auf den ersten Blick so gar nicht zu den Zielen des Bauhauses passen will, zumindest aber im damaligen Zeitgeist aus Sicht der Bauhaus-Angehörigen nicht der erstrebte Zustand war.

Umfrage zum Thema Bauhaus

Interessant ist hier vor allem auch die Frage, warum sich ausgerechnet der architektonische Bereich des Bauhauses bei den Teilnehmern der Umfrage so sehr eingeprägt hat. Auch bei der Aufgabe, den Begriff Bauhaus kurz in 1-3 Sätzen zu beschreiben, griffen viele Teilnehmer vor allem oder sogar ausschließlich die Architektur auf. „In erster Linie verbinde ich „Bauhaus“ mit Architektur, also Gebäuden mit vielen rechten Winkeln, flachen Dächern und einfarbige Fassade in weiß oder grau.“, schrieb ein/e TeilnehmerIn. „Bauhaus ist ein Architekturstil, der sich u.a. in Weimar entwickelt hat. Der Stil ist gradlinig und modern und wirkt edel.“, schreibt ein/e weitere/r.
Kaum ein Teilnehmer greift die viel weiter reichenden Ideen des Bauhauses auf, in dem die Architektur zwar eine wesentliche Rolle spielt, jedoch immer auch im Kontext des Gesamtkunstwerkes betrachtet werden muss. Bauhaus wird von den meisten tatsächlich als Architekturstil verstanden und das ist theoretisch gleich im doppelten Sinne falsch. Zum einen weil es sich um wesentlich mehr als nur Architektur handelt und zum anderen, weil die Gründer des Bauhauses ihre Theorie nicht als Stil verstanden haben.

Weiterführende Literatur

Hans M. Wingler (Hrsg.): Neue Bauhausbücher. Neue Folge der von Walter Gropius und László Moholy-Nagy begründeten Bauhausbücher. Schriftenreihe. Gebr. Mann, Berlin 1925ff., Kupferberg, Mainz 1965ff. (Repr.)

Michael Eckardt(Hg.): Bauhaus-Spaziergang: in Weimar unterwegs auf den Spuren des früheren Bauhauses. Verlag der Bauhaus-Universität, Weimar 2009, ISBN 978-3-86068-378-1.

Annette Seemann: Aus Weimar in alle Welt – Die Bauhausmeister und ihre Wirkung. Henschel, Leipzig 2009

Der Mann, der alle kannte: Harry Graf Kessler & das Bauhaus

Ein Name aus dem beginnenden 20. Jahrhundert, der besonders in Weimar häufig genannt wird, ist Harry Graf Kessler (1868-1937). Er war, nicht zuletzt seiner Herkunft geschuldet, ein wichtiger Diplomat, machte sich aber vor allem auch als Kunstsammler und Publizist einen Namen. Vom Einfluss seiner Familie zeugt auch die Tatsache, dass Kaiser Wilhelm I. die Patenschaft seiner jüngeren Schwester Wilma (1877-1963) übernahm.

Kessler - Portrait, undatiert Im März 1903 wurde Kessler Leiter des Weimarer Museums für Kunst und Kunstgewerbe. Kessler wollte in Weimar etwas verwirklichen, was die damals bereits zu großen Metropolen nicht möglich machten und einen kulturellen Reformversuch starten, in dem er das Ausstellungskonzept modernisierte. Dies sah zum Beispiel auch ständige Ausstellungen für Kunst und Kunstgewerbe vor. Neben dieser Tätigkeit war er ein erfolgreicher Herausgeber (u.A. Neuauflagen verschiedener Klassiker zusammen mit dem Insel-Verlag und dem Goethe-Schiller-Archiv).
Kessler folgte hier bereits seinem Anspruch an ein Gesamtkunstwerk: Es ging ihm nicht nur um die Aufarbeitung des Inhaltes, dieser sollte zudem auch künstlerisch in Form von Typografie und Illustration stimmig sein. Auch im Theaterbereich strebte Kessler Veränderungen an – die Idee der Großrauminszenierungen sollte Mithilfe des Architekten und Künstlers Henry van de Velde umgesetzt werden. Alles in allem wollte Kessler nicht nur selbst die Stadt verändern, sondern auch andere europäische Schriftsteller und Dichter einbeziehen und ein literarisch modernes, neues Weimar einführen.

Neben seinen Beziehungen zum Bauhaus und auch zur „klassischen Szene“ Weimars pflegte Kessler eine jahrelange komplizierte aber enge Beziehung zu Elisabeth Förster-Nietzsche, welche auch seinen Rat zum Sitz des Nietzsche-Archives in Weimar annahm.

In meiner Umfrage, in der ich primär die heutige Wahrnehmung des Bauhauses überprüfen wollte, gab es auch eine Frage zu Harry Graf Kessler. Dabei gaben 95% der Teilnehmer an, den Namen überhaupt nicht zu kennen. Die folgenden Angaben der Teilnehmer können daher nur als vage Vermutungen gesehen werden. Nur 12,5% der Teilnehmer vermuteten, er wäre ein Kunstsammler gewesen, gleich viele gaben an, ihn als Mitarbeiter des Bauhauses zu vermuten. 14, 3% der Teilnehmer halten ihn indirekt für einen Mitbegründer des Bauhauses. Weitere 64% tendieren dazu, ihn ebenfalls als solchen zu sehen. Kessler war jedoch nicht nur innerhalb der Bauhaus-Strukturen eine wichtige Figur. 2005 erschien der Dokumentarfilm „Harry Graf Kessler – der Mann, der alle kannte“ von Sabine Carbon, Regisseurin, Gründerin und Vorsitzende der Harry Graf Kessler Gesellschaft. Bereits der Titel fasst zusammen, was auch meine Umfrage andeutet: Kessler, der Menschensammler, der jeden kannte, ist heute scheinbar in Vergessenheit geraten.
Die Umfrage zeigt also, wenn auch nur in Ansätzen, dass auch Harry Graf Kessler als wichtige Peron im Zusammenhang zur neueren Geschichte Weimars und der Gründung des Bauhauses heutzutage nicht mehr bekannt ist. Obwohl dieser mehr als indirekt maßgeblich dazu beigetragen hat, scheint das Wissen um sein Werk und Handeln nicht zum Allgemeinwissen zu gehören. Ebenso wie das Bauhaus sind seine Prinzipien und Ideale in Vergessenheit geraten, was äußerst bedauerlich ist, da er das etwas angestaubte Weimar aus den Zeiten des Sturm und Drang in die Moderne geführt und maßgebliche Veränderungen angestoßen hat.

Literatur zum Thema:

Kessler, Harry Graf. Tagebücher 1918-1937. Hrsg. von Wolfgang Pfeiffer-Belli. Frankfurt a.M.: Insel Verlag, 1961 (2. Auflage 1995).

Kessler, Harry Graf. Gesammelte Schriften in drei Bänden. Hrsg. von Cornelia Blasberg und Gerhard Schuster. Frankfurt a.M.: Fischer, 1988. – Bd. 1. Gesichter und Zeiten: Erinnerungen; Notizen über Mexiko. Mit einem Nachwort und Anmerkungen versehen von Gerhard Schuster. – Bd. 2. Künstler und Nationen: Aufsätze und Reden 1899-1933. Mit einem Nachwort und Anmerkungen versehen von Cornelia Blasberg und Gerhard Schuster. – Bd. 3. Walther Rathenau: Sein Leben und sein Werk. Mit einem Nachwort und Anmerkungen versehen von Cornelia Blasberg.

Interessante Links zum Thema:

Artikel auf Zeit.de
die Harry-Graf-Kessler-Gesellschaft
Dokumentantionsfilm über Kessler auf Youtube
Texte von Kessler im Projekt Gutenberg

Bildquelle: Porträt Harry Graf Kessler, o.J., Klassik Stiftung Weimar, Goethe- und Schiller- Archiv, Signatur GSA 101/252 – Quelle: Bröhan Museum