Zur Einführung

Auf unserer Exkursion hatten wir die Gelegenheit ein paar Interviews zu führen. Diese haben wir anstelle von Fotos für eine kleine auditive Einführung zu einem Beitrag zusammen geschnitten.

Werbeanzeigen

Erste Schritte im Dunkeln

Wenn es um die vermeintlichen Schattenseiten einer Stadt geht, ist es meistens etwas kniffelig sich diesen zu nähern. Doch zu einer Stadt, ob groß wie Berlin, oder klein wie Weimar, gehören alle Seiten: die glanzvollen, wie die schattigen und auch die dazwischen. Und dennoch: Wenn man nicht gerade längere Zeit in einer Stadt verbracht hat, ist der Zugriff nicht einfach. Zumal wir niemanden vor den Kopf stoßen wollten, indem wir asylsuchende und geflüchtete Menschen oder Obdachlose aufsuchen und bloßstellen würden. Da lag es nahe, sich vor der Exkursion über schon bestehende Forschungen hinsichtlich Randgruppen einer Stadt zu informieren.

Das Wandern durch die Stadt, über die man etwas herauszufinden hofft, gilt als das wichtigste Instrument der Feldforschung. Das hat schon Robert E. Park seinen Studenten geraten, als er sie dazu aufforderte, Chicago zu Fuß zu durchstreifen, um ein Gefühl für die Dynamik der Stadt zu bekommen. Park gehörte zu der Chicago School, einer soziologischen Strömung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ihr wird zugeschrieben, Teil des Ursprungs ethnografischer Soziologie zu sein. Auch Max Winter nahm sich dieser Methode an, als er das „unterirdische Wien“ erforschte. In dem gleichnamigen Buch „Im Unterirdischen Wien“ sind die Ergebnisse seiner Entdeckungen über die Obdachlosen und Armen um 1900 in Wien zusammengefasst.

Wie der Name vermuten lässt, fußt der Ursprung der ethnografischen Soziologie in den ethnologischen Studien, die zur Zeit der europäischen Kolonialisierungsgeschichte gepflegt wurden. Die Figur des Entdeckers, der sich für einen Zeitraum von etwa drei Jahre in eine für ihn fremde Kultur begab, mit den Einheimischen lebte und mit lauter Erkenntnissen zurück in das Heimatland kam, um diese dort zu verbreiten, war die schillernde Gestalt der Ethnologie. Aber auch die journalistische Praxis des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zur Reportage von Subkulturen steht in dieser Linie.

Das Problem war klar: Wir hatten keine drei Jahre, wir hatten drei Tage. Deshalb wäre es vermessen, unsere Exkursion als eine vollwertige Feldforschung zu bezeichnen. Das tat unserem Interesse jedoch keinen Abbruch. Wir wusste allerdings auch schon vorher, dass wir gemeinsam mit einer ehemaligen Streetworkerin namens Schuchi eine sogenannte „Outsider-Tour“ machen würden. Diese Tour würde uns nach einem kurzen Wahrnehmungsspaziergang in der Innenstadt zu Orten führen, die der gewöhnliche Weimar-Tourist nicht zu sehen bekommt. Dazu zählte unter anderem Weimar-Nord und das Weimarer Land. Damit wir während der Tour auf die wesentlichen Aspekte achten konnten und diese vor lauter Reizüberflutung nicht übersehen würden, stellten wir uns vorweg einige Orientierungsfragen. Die wichtigste war, wie sich die ganze Tour überhaupt darstellen würde. Denn es handelte sich schließlich nicht um einen Zoobesuch. Die Sorge war groß, dass wir gaffend vor dem Flüchtlingsheim in Weimar stünden und sich die Bewohner mehr als unwohl fühlen würden. Das ist nicht gerade selten, denn es gibt eine ganze Branche, die von dieser Art des Tourismus lebt, wie etwa der Katastrophentourismus. Slumming nennt sich der Armutstourismus, den es schon seit gut hundert Jahren gibt. Reiche Bürger fahren in Elendsviertel und gucken sich an, was da so vor sich geht. Am Ende steigen sie wieder in ihre Busse und reisen ab. Wir wussten zumindest, dass wir die Erkundung in die äußeren Stadtteile nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln, sondern mit PKWs durchführen würden. Der Grund war ebenso banal, wie aufschlussreich: Die Randbezirke mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bereisen sei schlichtweg unkomfortabel. Es würde zu lange dauern. Damit drängte sich eine wichtige Vermutung sofort auf: Randgruppen werden offensichtlich an den Rand gedrängt und eine unkomfortable Verkehrsanbindung tut ihr Übriges, um eine soziale Segregation zu unterstützen. War das gewollt? Manifestieren sich die sozialen Gegebenheiten tatsächlich materiell im Stadtbild, damit diese Seite von Weimar den Kulturtouristen nicht ins Auge springt? Daran schlossen sich direkt die nächsten Fragen an: Sieht man etwas vom versteckten Weimar im historischen Stadtkern? Gibt es räumliche Ballungen sozialer Probleme? Und wie steht das Räumliche mit dem Sozialen im Verhältnis? Gewappnet mit diesen Fragen sollte nichts schiefgehen.

Die ersten Schritte des Wahrnehmungsspaziergangs im Stadtkern mit Schuchi machten es schon deutlich: So harmonisch und einfach, wie man auf den ersten Blick annehmen könnte, ist es in Weimar nicht. Sie erzählte uns von Aufmärschen der rechten Gruppierungen, die am Hauptbahnhof beginnen. Von Bandidos, die das Thüringer Land beherrschen wollen und gut organisiert vorgehen. Hyper-maskuline Milieus nennt sie diese. Für Flüchtlinge sind solche Tendenzen sicherlich nicht ungefährlich. Nachdem wir die ersten Eindrücke auf dem Wahrnehmungsspaziergang sammelten, ging es los. In einer kleinen Autokolonne steuerten wir Weimar-Nord an. Dort sieht es schon anders aus als im Stadtkern. Grau in grau und Plattenbau, statt Kopfsteinpflaster und klassisches Erbe schlugen uns entgegen. Doch muss man sich fragen, ob das ein raffinierter Schachzug der Hüter des Weimarer Kulturguts war, um die weniger Reichen aus dem Stadtkern fernzuhalten, oder ob es schlicht stadtgeschichtliche Gründe sind. Nach der Exkursion wollten wir der Frage nachgehen. Auch wenn es nicht mehr so glanzvoll wie in der Innenstadt aussieht, von offensichtlicher Armut oder gar Obdachlosigkeit konnte auch hier nicht die Rede sein.

Schuchi wollte uns aber mehr zeigen, als nur die Platte. Wir machten uns auf den Weg ins Weimarer Land. Dort sollten wir Eindrücke von der rechten Szene und von der organisierten Kriminalität der Bandidos bekommen. Doch bevor wir dort ankamen, machten wir einen Abstecher zum Flüchtlingsheim. Was auf dem Weg schon auffiel, waren die Straßen. Frappierend idyllisch schlängelten sie sich durch Wälder und Felder. Zum Fahrradfahren sicher ideal, doch ohne Fußgängerwege schwierig, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln hin- oder wegzukommen Als sei es gewollt für eine Präsentation dieser Sachlage, lief auch tatsächlich ein Junge rechts neben der Straße auf dem waldigen Boden, um eine einsame Bushaltestelle anzusteuern. Für äußere Bezirke mag das nicht ungewöhnlich sein, jedoch ist es schwierig, den richtigen Anschluss zu finden, wenn man ohnehin fremd in einem Land und fremd in einer Stadt ist. Das Heim liegt ebenso idyllisch. Mitten im Grünen, mit viel Platz drumherum. Es ist schmucklos, doch mehr können wir auch nicht dazu sagen, denn wir blieben mit den Autos etwa zwei Minuten dort stehen, bevor wir weiterfuhren. Es fühlte sich tatsächlich etwas nach Armutstourismus an und wir waren froh, dass wir nicht ausstiegen. Allerdings wäre es sehr schön gewesen, sich etwas mit den Menschen dort zu unterhalten. Wir nahmen uns vor, nach der Exkursion mehr über das Heim und seine Bewohner sowie über die Zusammenarbeit der Stadt Weimar mit den Flüchtlingen in der Stadt herauszufinden. Das Obdachlosenheim besuchten wir nicht. Doch das war auch nicht zwangsläufig notwendig, da wir vermutlich ähnlich flüchtig daran vorbeigefahren wären. Es liegt aber, ebenso wie das Flüchtlingsheim, außerhalb von Weimar. Auch hier wollten wir im Nachhinein weitere Informationen heranziehen. Die weiteren Eindrücke aus dem Weimarer Land waren hochinteressant, doch lenken sie ein wenig von unserem Zugang auf Weimar ab, weshalb sie an dieser Stelle übersprungen werden.

Wir kamen schließlich wieder im Stadtkern an. Nun, nachdem wir viel über das andere oder das versteckte Weimar erfahren hatten, kam uns der Stadtkern ein wenig anders vor. Noch herausgeputzter und vielleicht sogar aufgesetzt. Doch wir suchten weiter und tatsächlich versteckte sich das andere Weimar sehr gut. Wir begannen einige Passanten zu fragen, ob sie viel Obdachlosigkeit in der Stadt bemerkt hatten. Es war nicht verwunderlich, dass die Antworten negativ ausfielen. Schuchi hatte uns zuvor berichtet, dass die Obdachlosen lediglich zum Schlafen in das Heim gehen könnten und recht früh wieder hinaus müssten. Natürlich wären diese dann im Stadtraum unterwegs, doch wirklich auffallen würden sie nicht. Dazu passt ein Ereignis, was wir in einer kleinen Shopping Mall in der Innenstadt erlebten. Eigentlich wollten wir uns dort Getränke und etwas zu Essen kaufen, aber unsere Aufmerksamkeit wurde schnell von einem etwas verlotterten Mann mit bunter, schiefhängender Krawatte abgelenkt. Obdachlos? Oder doch nur etwas individuell gekleidet? Sei’s drum, wir fragten ihn freiheraus. Glücklicherweise nahm er uns die naive Frage nicht übel und war äußerst gesprächig. Tatsächlich lebt er auf der Straße, allerdings nicht zwangsläufig in Weimar. Er bereist mit seinem Fahrrad verschiedene Städte und lebt mal hier, mal dort. In Weimar sei es schwierig zu überdauern, auch wenn er die Stadt an sich sehr möge. Er erzählte uns vom Hababusch, dass wir an anderer Stelle unserer Exkursion auch besuchten. Weshalb es so schwierig sei, in Weimar zu überdauern, erklärt er uns nicht. Vielleicht gibt es in Weimar einfach keine Orte, an denen man sich trifft und kollektiv überdauert, war unsere Vermutung im Nachhinein. Dieser Verdacht erhärtete sich, als wir uns einen Tag später mit einer Kellnerin in einem traditionellen thüringischen Restaurant unterhielten. Die Polizei und das Ordnungsamt würden sehr darauf achten, dass nicht auf der Straße getrunken und herumgelungert werde, erzählte sie. Dann fügte sie hinzu, dass das dem Tourismus in Weimar schaden würde und das wäre schlecht, denn davon lebt die Stadt schließlich. Spätestens hier wurde klar, dass ein enormes Spannungsfeld zwischen der Außendarstellung Weimars und den stadtinternen Diskursen herrscht.

Licht ins Dunkel?

Nachdem wir die Eindrücke vor Ort verarbeitet hatten, blieben uns weiterhin eine Menge Fragen im Kopf. Zwar hat sich unsere Vermutung erhärtet das im Stadtraum kaum mit gesellschaftlichen Randgruppen zu rechnen ist, jedoch fehlte uns eine Vergegenwärtigung der harten Fakten, sofern überhaupt erreichbar. Sind wir vielleicht zu hart in der Verurteilung der Stadt und die Exklusion von marginalisierten Gesellschaftsgruppen aus dem innerstädtischen Bereich lässt sich beispielsweise Stadtgeschichtlich erklären? In der Hoffnung, Hintergründe der Entstehung des Obdachlosenheims, der Wohnstätte für Asylbewerber und der Plattenbaugebiete verstehen zu können, versuchten wir nachträglich ein paar Zahlen und Fakten zusammenzutragen.

Zunächst das Offensichtliche. Sowohl Plattenbaugebiete, Asylbewerberheim und Obdachlosenheim befinden sich in Weimar-Nord. Auf der Homepage der Weimarer Stadtverwaltung heißt es zu Weimar-Nord, dass die Herausbildung als Wohngebiet erst 1962 mit dem Baubeginn der auch „Experimentalbauten“ genannten Plattenbautypen einsetzte. Diese für die DDR übliche Neubauweise prägte die dortige Bauentwicklungen der nächsten 25 Jahre. 1994 wurden diese umfangreich saniert. Vorher war das Gebiet über Jahrzehnte hinweg vornehmlich durch das Schloss Ettersburg mit der Stadt Weimar verbunden und durch sich daran ansiedelnde Industrie geprägt. Erst Jahrzehnte nachdem in den 1960er eine Wohngebietsentwicklung forciert wurde, wurde Weimar-Nord im Jahre 2001 als eigenständiger Ortsteil anerkannt. Das Gebiet umfasst in der Hauptsache 2600 Plattenbauwohneinheiten. Die Einwohnerzahl steigt, wenn auch mit Rückschlägen, so warn es 1993 noch 4.932 Einwohner, heute leben dort 5.687 Menschen.

Da wir den Weimarer Norden im Zuge unserer Exkursion ausschließlich mit dem Auto erschlossen haben, fragten wir uns, wie es um die Verkehrsanbindung an die Innenstadt steht. Da die Möglichkeiten des öffentlichen Nahverkehrs auch für eine Integration, aber auch Exklusion von Randgebieten an die Innenstadt sprechen kann, kann dies für unsere Problemstellung von großer Aussagekraft sein. Abgesehen von ersten Buslinien Experimenten zu Anfang des 20. Jahrhunderts, wurde der Weimarer Norden erst zu Zeiten des Nationalsozialismus hoch frequentiert genutzt. So wurde für die SS- Angehörigen und Beschäftigten der Rüstungsbetriebe eine Buslinie zwischen dem auf dem Ettersberg liegenden Konzentrationslager Buchenwald und der Stadt eingerichtet. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges dauerte es bis 1955, bis erstmals wieder öffentlicher Nahverkehr in den Norden Weimars führte, zum Beispiel zwecks der damals von der Sowjetarmee übernommenen Kasernen an der Ettersburger und Lützendorfer Straße, die sich jedoch in den Folgejahren allmählich zu einer richtigen Stadtbuslinie entwickelte. Weiterhin folgten einige Verlängerungen und Erweiterungen, so dass das Gebiet inzwischen relativ gut an die Stadt angebunden ist. Auf der Informationsseite der Weimarer Stadtverwaltung findet sich außerdem der Hinweis, dass für die EXPO 2000 in Hannover Weimar-Nord als dezentraler Standort der Weltausstellung fungierte. Der Norden Weimars sollte ein „Modell für die Revitalisierung von Wohngebieten der Block- und Plattenbauweise“ darstellen und im Zuge dessen wurden auch Mängel in der Anbindung an die umgebenden Gebiete beseitigt. So viel zu Weimar-Nord und den Plattenbaugebieten, nun zu einzelnen Institutionen.

Das Obdachlosenheim befindet sich in der Ettersburger Str. 74–78 und wurde von der Stadt Weimar und den Bewohnern der Wohnstätte „Haus Hoffnung“ getauft. Es hat letztes Jahr sein 10 jähriges Bestehen gefeiert. Warum gerade oder erst 1993 ein Bedarf dafür erkannt beziehungsweise anerkannt wurde, ist leider aus den Informationen unserer Recherchen nicht ersichtlich. Die Stadt Weimar, genauer das Amt für Soziales und Familie der Stadt, stellen mit der Wohnstätte etwa 80 Wohnungslosen ein Dach über dem Kopf zur Verfügung. Nach Informationen der Diakonie sind davon zirka 40 stetig belegt. Für eine Sozialbetreuung sind von Beginn an die christlichen Wohlfahrtsverbände Caritas und Diakonie verantwortlich. Das Haus befindet sich wie schon erwähnt im Norden Weimars und damit am Stadtrand, jedoch lässt sich über die Gründe hierfür leider nichts herauszufinden, jedenfalls tauchen nirgendwo stadtplanerische, wohnungsmarktpolitische oder ähnliche Erklärungen auf. Wieso auch. Zumindest kann festgestellt werden, dass das „Haus Hoffnung“ eingerichtet wurde, als bereits eine recht gute Anbindung an die Stadtmitte bestand.

Bei dem Asylbewerberheim gestaltet es sich ähnlich, es lassen sich nur Vermutungen aufstellen, wieso sich dieses, neben dem gesellschaftlichen, am geografischen Rand der Stadt befindet. In der Ettersburger Straße 112, an der nördlichen Peripherie Weimars gelegen, sind 144 Geflüchtete für die Dauer ihres Asylverfahrens untergebracht, in Ausnahmefällen auch länger. Die Zahlen ändern sich jedoch ständig, auf Grund der prekären politischen Situation für Asylbewerber, sowie einem nicht geringer werdenden Bedarf der aus Krisen beziehungsweise Krisengebieten entsteht. So ist auch das Auftauchen von vielen verschiedenen Informationen zu erklären. Das Haus besteht ebenfalls in diesem Fall aus einer Zusammenarbeit von Stadt und christlichen Vereinen, die Trägerschaft für Dienste der Sozialberatung haben im Jahre 2004 der Caritasverband für das Bistum Erfurt und die Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein übernommen. Laut Diakonie stammen die Bewohner des Heims aus mehr als 18 Nationen und zwei Drittel von ihnen leben dort mit ihren Familien. Die Aufgaben der Wohnstätte drehen sich vor allem um Anmeldungsorganisation und die Unterbringung der Asylbewerber, welche nach Aussage des aktuellen Heimleiters Holger Idler in „großem Umfang“ aus der zentralen Landesaufnahmestelle in Eisenberg in die Stadt und Landkreise überwiesen werden. Weiter erklärt Herr Idler, dass das Wohnheim in Kontakt mit der Zentralaufnahmestelle steht um, wenn möglich, die Wohnungsgrößen auf die ankommenden Geflüchteten abzustimmen. Wie oft dieses „wenn möglich“ vorkommt sagt er nicht.

Zu erwähnen sei hier jedoch noch eine auf den ersten Blick interessante Ausnahme, die ehemalige Strafvollzugsanstalt, jetzige Jugendarrestanstalt, inmitten der heutigen Stadt Weimar. Sie soll hier kurz genannt werden, da sie während der Exkursion auf Grund ihrer Zentralität nahe des Weimarer Hauptbahnhofes und in mitten eines Wohngebietes für Neugierde unsererseits sorgte. Gefängnisse sind aus offensichtlichen Gründen oftmals nahe des Stadtrandes gebaut, dies schien hier nun gar nicht der Fall zu sein. Jedoch sind wir schnell darauf gekommen, dass dies zu Zeiten der Planung und Entstehung des Gefängnisses in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch ganz anders aussah, da die Stadtgrenzen anders verliefen. Dennoch erschien uns der Anblick von herausbaumelnden jugendlichen Beinen zwischen Gefängnisgittern aus der Perspektive eines idyllischen Wohngebietes zunächst skurril.

Was können wir also letztendlich aus den neugewonnenen Informationen schließen? Vermutungen bleiben nach wie vor Vermutungen. In der Hoffnung auf Antworten sind uns nur noch mehr Unklarheiten und Fragen aufgefallen, auf die es schwerlich abschließende Erkenntnisse geben mag. Augenscheinlich ist ein Großteil des gesellschaftlichen Randes in Weimar-Nord materialisiert, Auskünfte über mögliche Ursachen hierfür sind nirgends zu erhalten, auch die stadtgeschichtliche Hintergründe haben wenig Erkenntnis hierüber gebracht. Das das Asylbewerberheim und die Obdachlosenwohnstätte in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald liegen, kann nicht ernsthaft von der städtischen Verwaltung beabsichtigt worden sein, äußerst fragwürdig bleibt es dennoch. Weiterhin befindet sich die Wohnstätten nahe eines bekanntermaßen als rechts gesinnt eingestuften T-Shirt Unternehmens in der Ettersbergsiedlung, was das Wohnen dort für Asylbewerber und Obdachlose auch nicht unbedingt angenehmer gestalten kann. Auch wissen wir nach wie vor nichts über das Leben am Rande Weimars, wir haben es schließlich selbst nicht erleben müssen. Dennoch bleibt der Eindruck hartnäckigst vorhanden, dass eine Unterbringung am Rand der Stadt, neben möglichen Sprachbarrieren und vielen anderen Problemen, nur zusätzliche Isolation bedeuten kann.

Unsere Vor-Ort-Expertin Schuchi, sowie auch der Vertreter der Klassik Stiftung Weimar, sprach von einigen Projekten zur Eingliederungshilfe, die die Stadt in Bereich der sozialen Integration von marginalisierten Gruppen auszeichne, das weckte natürlich unser Interesse und bedurfte weiterer Recherche der wir uns nun zuwenden.

Interessante Links:

„Offenheit ist ein Schlüssel, der viele Türen öffnen kann“

Viele Menschen aus der Stadt Weimar versammelten sich im Januar dieses Jahres zu dem interkulturellen Neujahrsfest. Seit 2006 organisiert der Weimarer Ausländerbereit das Fest, um gemeinsam mit allen Weimarer BürgerInnen unter dem Motto „Weimar ist bunt“ das neue Jahr zu begrüßen. Mit etwa 1400 Gästen unterschiedlicher Herkunft, Kulturen sowie verschiedener Altersgruppen war das Fest in diesem Jahr ein voller Erfolg. Neben den BürgerInnen versammelten sich auch Künstler aus aller Welt und lassen sich von der Musik, dem Tanz und den kulinarischen Köstlichkeiten verzaubern. Im Concress Centrum der neuen Weimarhalle organisierte der Ausländerbeirat mit Hilfe von einigen Vereinen und Konzernen die Festlichkeit, um Einblicke in verschiedenen Kulturen zu geben. Die Menschen unterschiedlicher Kulturen können sich austauschen, sowie sich kennenlernen und Vorurteile abbauen. Die Kommunikation über die Sprache ist ein wichtiger Baustein für eine bessere Integration und fördert das Zusammenleben. Neben dem Fest versucht der Beirat mit seinen 18 Mitgliedern seit dem Jahr 2000 durch weitere Maßnahmen und Projekte, das „gemeinsam aktiv sein“, zu fördern sowie das gleichberechtige Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen zu stärken.. Toleranz, Akzeptanz sowie der Respekt auf jeder Ebene des Lebens sind die wichtigsten Voraussetzungen. Diese tolle Festlichkeit ist nicht das einzige Projekt, welches die Stadt an Bemühungen macht, um das Zusammenleben in der Stadt Weimar zu fördern. Wir entdeckten bei unserer Recherche, dass sich viele Initiativen und Vereine seitens der Stadt oder auch Interessierte entwickeln haben, die sich mit der Thematik der Integration und der Situation der Flüchtlinge in Weimar auseinandersetzen und versuchen mit unterschiedlichen Mitteln diese an die Öffentlichkeit zu bringen. Das Ziel ist es, die Gesellschaft mit dem Thema zu sensibilisieren. Auch Schluchi betonte bei einem Gespräch, dass Weimar eine sehr gute Eingliederungspolitik hat, diese Aussage wollten wir auf den Grund gehen und versuchten einige Informationen zu Programmen oder Projekten seitens der Stadt zu entdecken. Auf der Internetseite „Integration-Migration-Thüringen“ sind unter dem Button Kommunaler Wegweiser in zwei Bereiche gegliedert. Es werden Angebote zur Verfügung gestellt, welche von unterschiedlichen Ansprechpartnern verwaltet werden, für Migration und Flüchtlinge. Es werden Integrationskurse angeboten, zu denen man sich online anmelden kann. Weitere Informationsquellen laufen unter dem Titel „Wegweiser für Flüchtlings- und Integrationsarbeit in Thüringen – Stadt Weimar“.

Am 1.Juni 2013 beschäftigen sich etwa 70 Teilnehmer auf einer 4-Länderkonferenz in Weimar mit der Debatte zu dem Thema des Europäischen Asylsystems. ExpertenInnen aus der Politik und Praxis leiteten die interessanten Diskussionen und Workshops, die Beispielsweise das Thema der „Unterbringung und Lebensbedingungen von Flüchtlingen“ sowie auch die „Inhaftierung von Flüchtlingen“ aufmachten. Folgenden Fragenstellungen begleiteten die Tagung: Welche Neuerung bringt das europäische Asylsystem? Wie wirken sich die Reformen auf Deutschland aus? Wie sind sie zu bewerten? Auf der Internetseite kann sich jeder der Interesse an detaillierte Informationen hat, die gesamte Zusammenfassung der Tagung downloaden.

Auch seitens der unterschiedlichen politischen Parteien, welche in der Stadt vertreten sind, sei es die Grünen oder die Piraten, laden zu Diskussionen und Veranstaltungen ein, welche sich mit dem Thema der Flüchtlinge in Weimar befassen. Es wurden einige kleine Exposés, die auf das Thema aufmerksam machen, veröffentlicht. Um die Gesellschaft zu sensibilisieren und auch Vorureile zu minimieren.

Beim Durchstöbern im Internet sind wir auf einen interessanten Blog gestoßen, auf dem eine Gruppe, in Zusammenarbeit mit der FSJ Kultur in der Heinrich – Böll – Stiftung Thüringen, mit künstlerischen Aktionen unterschiedlicher Ausführungen auf die Situation der Asylsuchenden in Thüringen aufmerksam machen möchte. Der Gedanke dahinter ist es, die Gesellschaft in Weimar zu sensibilisieren und Vorurteile zu minimieren. Das Interesse miteinander zu leben soll gestärkt werden sowie freiwillige und interessierte HelferInnen zu finden. Unter dem Titel „Hinterm Horizont geht’s weiter!“ fand ein Sommerfest am 7.Juli 2012 vor dem Asylheim in Weimar statt. Das Fest sollte einen Austausch von Asylsuchenden und der Weimarer Bevölkerung ermöglichen und somit die Integration der Menschen erleichtern. Unter dem Motto gemeinsam Spaß haben, sich kennenlernen und miteinander seine Zeit verbringen fand das Fest, auch wie der Titel es andeutet, außerhalb des Stadtkerns statt. Für das leibliche Wohl wurde gegen eine kleine Spende gesorgt sowie für einige Spaßpunkte, die auf der Tagesordnung standen. Neben dem im Vordergrund stehenden Unterhaltungsfaktor wurde auch einen Informationsstandort organisiert, wo sich jeder über die derzeitige Asylpolitik informieren und offene Fragen ansprechen konnte. Unterstützt wurde das Sommerfest von freiwilligen HelferInnen sowie von einigen Instituten und Vereinen wie das Kino „mon amis“, der Bioladen „Rosmarin“, das Iranhaus, Weimarer Tafel, Gerberstraße 1/3 e.V., neue linke, der Verein „EineWeltHaus Weimar“, Fanprojekt des FCC, der Jugendclub sowie von der Heinrich-Böll-Stiftung Thüringen (parteinahe Stiftung von Bündnis 90/Die Grünen). Neben dem Sommerfest versucht die Gruppe mit einigen Kunstaktionen das Thema anzusprechen. In diesem Interesse fand im Rahmen der „Kein Mensch ist illegal – Woche“ am 13.Juli 2012 unter dem Slogan „Wir sch**ßen auf die Grenzen!“ ein Flashmob in Weimar auf dem Theaterplatz statt. Er sollte die Aufmerksamkeit der BewohnerInnen auf die Situation der Asylsuchenden wecken.

Seit dem Wintersemester 2013/2014 ist die Initiative für „Flüchtlinge Weimar“ eingetragen und setzt sich zusammen aus Studierenden der Bauhaus-Universität Weimar. Das Ziel der Initiative ist der politische und soziale Einsatz für die Angelegenheiten der Flüchtlinge. Auf sozialer Ebene versucht die Gruppe Veranstaltungen zu organisieren, bei denen beispielsweise Bastelnachmittage mit den Kindern stattfinden. Auf der politischen Ebene setzen sie sich für die Rechte von Flüchtlingen ein. Mit einigen Ausstellungen in Zusammenarbeit mit Film- und Fotoprojekten versuchen die Studierenden die Öffentlichkeit zu informieren und auf die Situation aufmerksam zu machen.

Ein weiteres besonderes Projekt wurde im November 2011 ins Leben gerufen, welches in der Kooperation zwischen dem Deutschen Nationaltheater und des E-Werks stattfand. Auf der Bühne des E-Werks wurde unter dem Titel „Never Land“ ein Theaterstück entwickelt, welches die Schicksale der Asylsuchenden erzählen sollte sowie die AsylantenInnen auf die Bühne geholt hat.

Ein Mitarbeiter der Weimar–Impuls–Region gab zu, dass er die Plattenbaugebiete, welche sich am Rand der Stadt befinden, erst kennenlernte, als er schon in Weimar lebte und arbeitete. Leider so auch in vielen kleineren Städten in Deutschland wird die sozial schwächere Gesellschaft an den Rand der Stadt verdrängt, da die günstigeren Mieten in den Randgebieten angeboten werden, oft in Form von Großbauten sowie Plattenbauten, und in der Kernstadt die Mieten eher höher liegen. Somit besteht kaum eine Möglichkeit direkt in der Stadt eine bezahlbare Wohnung anzumieten. Bei einem Gespräch erwähnte ein Mitarbeiter der Kultureinrichtung „Klassik Stiftung Weimar“, dass jedoch auch großes Interesse besteht an den Wohngebieten, die sich am Rand der Stadt befinden. Die Stiftung erkannte die Aufgabe die Plattenbaugebiete und Dörfer herum bei ihren Projekten mitzunehmen und in die Stadt Weimar zu integrieren und nicht auszuschließen. Inwieweit die Aufgabe und der Wunsch sich bewähren, konnten wir leider nicht herausfinden.

Um die Kids von der Straße fernzuhalten, bemühen sich einige interessierte junge Erwachsene dafür, eine mögliche Perspektive für ein Hobby zu schaffen. Indem sie mögliche Orte anbieten, wo die Kids sich treffen können und zusammen finden. Ein gutes Beispiel hierfür zeigt sich in einer Siedlung im Norden, in der wir eine sehr gute ausgebaute Skaterbahn entdeckten. Die Jugendlichen arbeiteten mit bei dem Bau und der Gestaltung der Bahn. Dieser Ort dient als ein guter Treffpunkt an Nachmittage, wo die gleichen Interessen verfolgt werden können. Die Skater-Kultur wird oft von der Gesellschaft nicht so gern gesehen, besonders wenn sie sich im Stadtraum manifestiert. Jedoch sind die Straßen, Plätze sowie Fußgängerwege eigentlich interessant, da Skater gerne neue Hürden bewältigen wollen. Jedoch werden sie häufig im Stadtraum nicht angenommen. Daher wurde ein möglicher Treffpunkt geschaffen, damit die Kids nicht auf Straße rumlungern. Ein weiterer Gedanke ist die Entwicklung einer Gemeinschaft mit gleichen Interessen, in der sie untereinander zusammenhalten und Freundschaften sich entwickeln.

Die tollen Projekte, die in den vergangenen Jahren gestartet wurden, könnten möglicherweise einen Teil dazu beitragen, dass in nächster Zukunft die Gesellschaft mit der Thematik sensibilisiert wird. Sowie möglicherweise mehr Interessenten dazu verleitet werden, weitere Projekte für eine bessere Integration unterschiedlicher Kulturen sowie der Asylsuchenden zu starten.

Interessante link:

http://auslaenderbeirat.weimar.de/

http://www.ska-keller.de/de/themen/migration/asyl/asyl-spezial-01

http://asylthueringen.jimdo.com/

http://www.unique-online.de/%E2%80%9Emich-gibt-es-gar-nicht%E2%80%9C-niemandsland-in-weimar/3997/

http://www.tlz.de/web/zgt/kultur/detail/-/specific/Theaterabend-mit-Asylanten-Never-Land-im-Weimarer-DNT-269418465

http://fiw.bau-ha.us/aktuelles/