Stadt im Spannungsfeld: Einmal Klassik immer Klassik?

Wer versucht, die unterschiedlichen Phasen der Geschichte Weimars zu begreifen und zu verknüpfen, für den tut sich schnell ein Spannungsfeld auf: Die Klassik mit Goethe, Schiller, Bach und Liszt. Nach dem Ende des ersten Weltkrieges die Gründung der Weimarer Republik im Deutschen Nationaltheater. Dann die Geschichte der Entstehung des Bauhauses mit Henry van de Velde, Walter Gropius, Lyonel Feininger, Paul Klee, und andere. Gefolgt von der NS-Zeit, in der die Menschen in Weimar früher und stärker als die in anderen deutschen Städten das Regime unterstützten: Das Lager Buchenwald und das Gau-Forum sind bauliche Zeugen dessen.

Und heute? Das Ende der Geschichte?

Seit dem Mauerfall mausert sich Weimar zum Tourismusmagneten. Auf die Anzahl der Einwohner gerechnet, gibt es in Weimar mehr Übernachtungen als in Berlin, und sogar knapp drei Mal so viele, wie im benachbarten Erfurt. Dabei steht die Klassik sowohl beim Tourismusmarketing, als auch seitens der Besucher im Vordergrund. Ob die Nachfrage oder das Marketing zuerst da war ist schwer zu bestimmen – sie bedingen sich gegenseitig.

Wie aber geht Weimar mit den verschiedenen Strängen der eigenen Geschichte um, die unterschiedlicher nicht sein könnten?

Es hält sie separat. Die Neue Zürcher Zeitung beschriebt eine Aufspaltung Weimars in das „unbefleckte Weimar“ und das „böse Buchenwald“. Diese Divergenz hat ihren Ursprung in der gesamtdeutschen Katastrophe des NS-Regimes und des Holocausts. Sie hielt sich in der DDR und darüber hinaus bis heute. Aufgespalten ist auch die Darstellung der historischen Phasen, die unabhängig voneinander präsentiert werden.

Im Marketing der Weimar GmbH, die als Tochterfirma der Stadtverwaltung Touristen anlocken soll, spielt vor allem die Klassik eine Rolle. Man wolle sich auch die Kernfaktoren der Marke Weimar fokussieren, sagt Mark Schmidt von der Weimar GmbH. Zwar werde auch die Gedenkstätte Buchenwald und das Bauhaus mitkommuniziert, die Klassik sei jedoch der Grund, wieso die meisten Menschen in Deutschland und Europa Weimar kennen und besuchen. Dies sei höchstens bei Gästen aus Nordamerika anders, für die Bauhaus und die Gedenkstätte auch ein wichtigerer Anziehungsgrund seien.

Sicherlich ist es möglich, sich ausschließlich auf einen Aspekt der Stadtgeschichte zu fokussieren. So machen es unzählige Schülergruppen, die wegen der Gedenkstädte Buchenwald, die nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt auf dem Ettersberg liegt, nach Thüringen kommen. Ihre Busse fahren direkt zur Gedenkstätte und nur einige von ihnen besuchen auch die Stadt Weimar. Ein anderer Umgang mit der Zerrissenheit ist, sie schlichtweg zu ignorieren. Die Bewohner Weimars haben, genau wie jugendliche Schülergruppen, gelernt keine Verbindungen zwischen Klassik, Bauhaus und NS-Vergangenheit zu suchen. Bei Führungen durch diverse Ausstellungen und im Gespräch über die Geschichte wird Weimars Rolle im Nationalsozialismus häufig unbewusst relativiert. In Bezug auf das Bauhaus hören wir häufig Sätze, wie „1926 musste das Bauhaus aus politischen Gründen Weimar verlassen und ging nach Dessau“. Ist aus solchen Aussagen etwa sowas wie Scham herauszuhören für das Verdrängen des Bauhauses in das sozialdemokratische Dessau? Dafür, dass im Thüringer Landtag der rechte „Ordnungsbund“ schon ab 1924 eine Mehrheit hatte?

Auf der Website Weimars heißt es lediglich: „Das Bauhaus, im April 1919 in Weimar eröffnet, ab 1925 in Dessau ansässig, 1933 in Berlin von den Nationalsozialisten geschlossen, ist bis heute der wirkungsvollste und erfolgreichste Exportartikel deutscher Kultur des 20. Jahrhunderts.“ Die Bauhaus Universität findet in ihrer Geschichtsabriss klarere Worte: „Aus politischen Gründen wurde das Bauhaus 1925 aus Weimar vertrieben und setzte danach seine Arbeit in Dessau fort.“

Zerrissen ist Weimar aber auch zwischen Erwartung der Besucher an eine der wichtigsten Kulturstätten Deutschlands und der Wirklichkeit einer Sechzigtausendeinwohnerstadt: Dies zeigt sich am Beispiel des Deutschen Nationaltheaters. Für den Intendanten Hasko Weber, der 2013 vom Staatstheater Stuttgart nach Weimar kam, muss es hart sein: Die Tagestouristen und Wochenendbesucher wollen ausschließlich Klassiker sehen – für moderne Stücke fehlt in Weimar das Publikum. Dieses Jahr versuchte sich das Theater dann auch an einer Verbindung aus Alt und Neu: Um das berühmte Goethe- und Schiller-Denkmal auf dem Theaterplatz wurde eine temporäre Bühne gebaut, auf der eine modern-satirische Inszenierung von Goethes Reineke Fuchs aufgeführt wird. Großes Echo in den Feuilletons erzeugte man damit jedoch nicht.

Auch Mark Schmidt vom Tourismusmarketing klagt: die Punkte, bei denen Weimar in der Bewertung der Besucher unterdurchschnittlich abschneide (z.B. Öffentlicher Nahverkehr und Nachtleben) seien durch zu hohe Erwartungen der Besucher zu erklären.

Es entsteht also der Eindruck, dass im heutigen Weimar heute ganz bewusst das Klassikerbe reproduziert wird anstatt Neues auszuprobieren. Der damalige Zeitgeist wird sich nicht zu eigen gemacht.

Ab ins Historische Archiv zum Tourismus

Zurück in Berlin stellen sich weitere Fragen: Hat Weimar schon immer nur Teile seiner Geschichte beleuchtet? Und falls ja, hat sich die Selbstdarstellung über die stürmischen Phasen der Geschichte, die die Stadt miterlebte, geändert oder gilt: „Einmal Klassik, immer Klassik“? Ich mache mich auf die Suche nach Antworten und begebe mich ins Historische Archiv zum Tourismus an der TU Berlin.

Gleich beim Auspacken des ersten Kartons erfahre ich, dass Thüringen die erste Tourismuskampagne Deutschlands mit einheitlicher Wort- und Bildmarke hatte. Auf einem grünen Herzsymbol wirbt die Region ab 1935/36 für einen Besuch des „grünen Herzen Deutschlands“. Gegenwärtig wird diskutiert, den Slogan, der sich auch auf Prospekten der DDR findet, wieder aufleben zu lassen (Mehr…).

Auf Erfurt-web.de schreibt Dr. Steffen Raßloff:

„Jüngste Tourismus- und Marketingkampagnen versuchen zwar ein moderneres Bild des Freistaates Thüringen zu entwerfen, jedoch sollte man die traditionelle Marke nicht ohne Not aufgeben.“ Mehr…

   

 Abbildungen: Die Bildmarke des Tourismusmarketings von ca. 1938, Ende der 50er und 2014.

Prospekte kamen erst in den späten 20er Jahren auf. Zuvor waren lediglich Verkehrsbücher und Reiseführer verfügbar, die Reisenden in Kutschen und Bahnen bei der Orientierung am Zielort helfen sollten.

Wichtige Infos für Weimar-Besucher aus dem Jahr 1922: Grundriss des Goethe-Hauses.

Bekannt ist der sogenannte Baedeker. Ich finde ein Exemplar von 1922, das detaillierte Informationen bietet. Von Hinweisen zu den Gepäckbestimmungen für Pferde- und Kraftdroschken bis zu den Eintrittspreisen des Nationaltheaters findet sich hier alles Wichtige für Besucher Weimars. Sehenswürdigkeiten im Baedeker sind alphabetisch geordnet – von Donndorf-Museum bis Wittumspalais – und lassen daher keinen Schluss über eine Priorisierung zu. Goethes Wohn- und Gartenhaus, das Goethe-Schiller-Archiv und das Liszt-Museum werden genannt. Besonders Goethes Wohnhaus trägt das Buch Rechnung und widmet ihm eine detaillierte Beschreibung der Zimmer und sogar einen Grundriss.

 

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Nietzsche und Kunstschule – im Baedeker „unter ferner liefen“.

Stellt sich die Frage, was in dem Reisebuch weniger Raum bekommt bzw. ganz ausgelassen wird: Unter ferner Liefen wird auch das Bauhaus erwähnt, das zum damaligen Zeitpunkt noch eine recht neue, aber durchaus wahrgenommene Einrichtung in Weimar war. Der Bauhaus-Gründung 1919 gingen einige Jahre der Kunstgewerbeschule voraus, die von Henry van de Velde bereits 1908 gegründet wurde. Auch das Nietzsche-Archiv wird nur in einem kleinen Absatz erwähnt (siehe Abb. unten).

Der Gründung der Weimarer Republik im Jahr 1918 und der ersten Nationalversammlung im Deutschen Nationaltheater wird kein Hinweis gewidmet.

Deckblatt des deutschen Verkehrsbuches zu Thüringen, das man an Bahnhöfen kaufen konnte.

Neben dem Baedeker finden sich aus der Zeit der Weimarer Republik die Deutschen Reisebücher als historische Quelle zur Darstellung Weimars. Sie wurden deutschlandweit an Bahnhöfen in Automaten verkauft und halfen Reisenden eine Region touristisch zu erschließen. In der Thüringen-Ausgabe (7. Auflage) von etwa 1928 heißt es zu Weimar: „…malerisch an der Ilm gelegen. Alte Residenzstadt, seit 1920 thüringische Landeshauptstadt…“. Nachfolgend finden sich drei Charakterisierungen Weimars: Weimar als Ort der Nationalversammlung zur Gründung der Weimarer Republik, Weimar als die „weltberühmte“ Klassikerstadt sowie Weimar als Kunststadt mit Sitz vieler literarischer Gesellschaften. Es folgt der Hinweis auf die „staatlichen Hochschulen für Baukunst, bildende Künste und Handwerk, Musikschule, Frauenschulen. Ingenieurschule ‚Weimar-Halle‘, große Stadthalle im Bau“. Das Nietzsche Archiv wird als Sehenswürdigkeit in einem Absatz mit dem Schillerhaus und den Goethe-und-Schiller-Archiven prominent genannt. Drei Bilder von Weimar begleiten den etwa dreiseitigen Text: Das Goethe-Schiller-Denkmal am Theaterplatz, Goethes Gartenhaus und das Römisches Haus.

10 Jahre später: Weimar im NS

Prospekt von ca. 1938 mit einheitlicher Bildmarke und Schwerpunkt auf Natur.

Die, im Nationalsozialismus entstandenen Prospekte für die Region, lassen keinen Zweifel am anti-urbanen und naturbezogenen Reiseverständnis der politischen Entscheider. Zwar hat die Gleichschaltung noch nicht so breit funktioniert, dass moderne Typografien und nicht Fraktur verwendet worden wären. Es wurde nun kein Schwerpunkt mehr auf die städtischen Attraktionen gelegt, sondern auf Landschaft und Natur. Das Reisen mit dem eigenen KFZ durch Felder und Wälder, Wandern und andere Sportarten. Unter der Überschrift „Die neue Zeit“ stehen Lob für „den Führer“, den Bau der Reichsautostraßen, die sich in Thüringen kreuzen, und es wird auf die Aktivitäten der Hitlerjugend verwiesen. Eingangs prangt ein Zitat von Goethe: „Wer seine Heimat nicht kennt, hat keinen Maßstab für fremde Länder.“ (Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich das Zitat so heute nicht nachweisen lässt. In dem klassischen Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ schreibt Goethe „Wer sein Vaterland nicht kennt, hat keinen Maßstab für fremde Länder.“). Insgesamt wartet der Prospekt überwiegend mit Bildern von Naturdenkmälern und traditionsreichen Gebäuden in Kleinstädten auf. Lediglich zwei Doppelseiten sind den thüringischen Städten gewidmet. Zu Weimar sind das Schloss sowie Goethes Gartenhaus abgebildet. Städte werden als „Träger kulturgeschichtlicher Erinnerungen“ benannt, die wussten, ihre Eigenarten zu bewahren. Insgesamt zeigt sich ein reaktionäres und antimodernes Städtebild, das als Gegenentwurf zu Stadtdiskursen im frühen 20. Jahrhundert verstanden werden kann.

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Ein englischsprachiger Prospekt für die Reise nach „Thuringia“ (etwa Ende der 1960er).

Die Prospekte der Nachkriegszeit sind zeitlich nicht genau einzuordnen. Mit der Gründung des Deutschen Reisebüros (DER) werden Wegweiser durch Weimar auch auf Englisch produziert. Ab 1964 finden sich außerdem italienische und dänische Prospekte im Archiv.

1958 wurde durch die Regierung der DDR auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers, die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald eröffnet. Ab diesem Zeitpunkt wird sie in allen Prospekten auffällig kommuniziert. Dies geschieht über die Bildauswahl, aber auch in Karten oder durch Fettdruck in der Legende. Auch heute nimmt die Gedenkstätte, als meistbesuchter touristischer Ort Thüringens, eine wichtige Rolle in der Kommunikation ein. Jedoch hat man den Eindruck, dass in den Publikationen des Reisebüros der Deutschen Demokratischen Republik die Klassik gegenüber heutiger Werbung etwas weniger präsent ist.

8 bauhausIm Veranstaltungskalender des Jahres 1979 findet sich eine große Ankündigung einer Ausstellung zum 60. Jubiläum des Bauhauses, die im Titel auch auf das Ende der Schule verweist: „bauhaus 1919 – 1933“. Dabei wird ausgelassen, dass auch nach der Schließung des Staatlichen Bauhauses 1933 in Berlin, seine Ideen und Personen weiterhin wirkten.

Ein Blick in die Karten

Im Kartenausschnitt der Prospekte des Reisebüros der Deutschen Demokratischen Republik sind Pfeile für den Besuch der Gedenkstätte Buchenwald sehr sichtbar. Sie stehen, gleich nach dem Hauptbahnhof, an zweiter Stelle der Legende. Auch auf Bildern der vom „Deutschen Reisebüro“ der DDR herausgegebenen Broschüren sind die Gedenkstätte und das dortige Mahnmal häufiges Motiv. Erst anschließend wird auf die Sehenswürdigkeiten der Klassik verwiesen. Auffällig ist, dass in nur einer gefundenen Broschüre das Haus von Charlotte von Stein vermerkt ist. In allen anderen Publikationen und auch auf der heutigen Website, findet die enge Freundin Herders, Goethes und Schillers keine Erwähnung – ja, generell bestehen Weimarer Sehenswürdigkeiten, abgesehen von Erwähnungen Anna Amalias, ausschließlich aus den Wohnhäusern weißer Männer: Goethe, Schiller, Liszt, Herder, Cramer, Nietzsche usw.

Über die vergangenen 90 Jahre hat sich also in der Kommunikation der touristischen Attraktionen Weimars nicht viel geändert. Bauhaus und Buchenwald sind später hinzugekommen, konnten der Klassik aber nicht den ersten Rang streitig machen. Unterschiede sind nur in Nuancen erkennbar. In Weimar war und ist die Klassik das wichtigste Identifikationsnarrativ im Stadtmarketing.

Schluss

Damit ist sie Glücksfall und Laster zugleich. Die unvergleichliche Popularität der Kleinstadt wäre ihr anderenfalls nicht beschert worden, jedoch fehlt es bis heute auch an einer Darstellung des zeitgenössischen Weimars. In der Stadt hat man sich entschlossen, nicht nach Alternativen zu suchen, frei nach dem Motto, „never change a winning team“.

Ob heute noch moderne Ideen, mit der Veränderungskraft derer Goethes, in Weimar reifen könnten ist fraglich. Viele Alumni der Bauhaus Universität verlassen das Städtchen in Richtung Berlin. Relativ eindeutig ist jedoch, dass der Nährboden für Veränderung und Innovation 1775, als Goethe in die Stadt kam, ein fruchtbarerer war.

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