Vom Nutzen und Nachteil der Historie für die Stadt Weimar

(Von Moritz Jansen & Robert Post)

 

 

  1. Ein Stadtspaziergang

 

Es gibt wohl wenige Städte die so getragen sind von ihrer eigentlichen oder vermeintlichen Geschichte wie Weimar. Ein einfacher Spaziergang vom Bahnhof hinunter, durch die Stadt und dann hinauf zur Humboldtstraße lässt einen durch eine Geschichtslandschaft wandern, die voller Reste, Inszenierungen und Denkmäler ist. Gleichsam ein Palimpsest deutscher Mythen, Narrative und Katastrophen. Der Neoklassizistische Bahnhof, in seiner heutigen Form zu den Zeiten der Weimarer Republik errichtet, soll in die Antike verweisen. Ein Anschluss an vergangene Größe, an Philosophie, Gelehrsamkeit und Kultur. Nicht umsonst ist der Haltepunkt nicht bloß ein Bahnhof, er ist ein KulturBahnhof. Nun sind Bahnhöfe bekannterweise Transiträume. Woher und wohin mäandert hier wohl die Kultur? Hält sie? Fährt sie fort, woanders hin? Oder ist sie nur auf der Durchreise? Und woher kommt sie: Aus der Vergangenheit, aus der Gegenwart, aus Europa?

Der gleiche Bahnhof ist auch Ausgangspunkt für den Transport vor allem jüdischer Menschen in das nahegelegen Konzentrationslager Buchenwald. Der ganze Bahnhofsvorplatz bietet Geschichte und Geschichten von alten und neuen Nazis, gleichsam wie von Widerstand und Gedenken. Vorbei am Hotel Kaiserin Augusta, Ehefrau von Friedrich Wilhelm I, die Carl-August-Allee hinab. Rechter Hand ein Denkmal in sozialistischem Stil auf dem Buchenwaldplatz: „Aus Eurem Opfertod wächst unsere sozialistische Tat“, steht da verblasst an der Wand. Wenn keiner etwas dagegen tut, wird der Spruch mit der Zeit verschwinden. Weiter, um eine Kurve und dann ein kurzer Blick auf das ehemalige Gauforum. Vorne rechts ein Glockenturm, ganz hinten in der ehemaligen Halle der Volksgemeinschaft ein Einkaufszentrum. Der Platz über der Tiefgarage hieß mal Adolf-Hitler-Platz und Karl-Marx-Platz. Heute heißt er Weimar-Platz. Auch dieses Ensemble soll an die Antike erinnern: Forum, Atrium, lange Säulengänge, monumentale Zitate. Das Dokumentationszentrum ist verschlossen, ein nicht-öffentliches Museum, Zutritt nur mit Hilfe eines Zugangsberechtigten.

Weiter über die Karl-Liebknecht-Straße zum Goetheplatz und dann Richtung Theaterplatz. Zwischen dem Deutschen Nationaltheater und dem Bauhaus-Museum das Goethe und Schiller Denkmal. Gewidmet vom Vaterland. Vorbei an Schillers Wohnhaus, am Goethe-Haus und dann noch ein Abstecher über den Campus der Bauhaus-Universität. Vorbei am Friedhof, vielleicht werfen wir einen kurzen Blick hinauf zur Fürstengruft. Noch einige Villen auf der linken Seite und dann biegen wir ab und steigen die steile Humboldtstraße hinauf. Vor der Nummer 38 bleiben wir stehen, atmen durch und treten ein. Über der Türe steht: Nietzsche-Archiv.

Hier also führte uns der letzte Tag unserer dreitägigen Weimar-Exkursion hin. An einen erhöhten Ort. Ein Ort, der in Weimar sowohl geografisch wie auch intellektuell erhöht zu sein scheint. Ein Ort, der nicht nur für das Verständnis des Werkes des Philosophen Friedrich Wilhelm Nietzsche, sondern auch für das Verständnis Weimars von großer Bedeutung ist. Die Eindrücke und Erfahrungen unserer Exkursion zeichneten ein Bild von Weimar, welches, aus stadtforscherischer Sicht, mehr und mehr komplex und vor allem historisch auf- wenn nicht sogar überladen erschien. So versuchten wir im Anschluss der Exkursion eine Möglichkeit zu finden, uns das heutige Weimar besser erschließen zu können und die gewonnen Eindrücke vom gegenwärtigen und vergangenen Leben in der Stadt besser verstehen zu können. Der Besuch im Nietzsche-Archiv gab sodann den Anstoß für dieses Vorhaben.

 

  1. Nietzsches Dreiheit von Arten der Historie

 

„In dreierlei Hinsicht gehört die Historie dem Lebendigen; sie gehört ihm als dem Tätigen und Strebenden, ihm als dem Bewahrenden und Verehrenden, ihm als dem Leidenden und der Befreiung Bedürftigen. Dieser Dreiheit von Beziehungen entspricht eine Dreiheit von Arten der Historie: sofern es erlaubt ist, eine monumentalistische, eine antiquarische und eine kritische Art der Historie zu unterscheiden.“ (S.35)

 

Nietzsche unterscheidet in seinem Aufsatz Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben also drei Arten von Historie, die im Folgenden kurz erläutert seien:

 

(1) Die monumentalische Historie, wird von Tätigen und Strebenden erzählt, Geschichte ist hier voller Vorbilder, Lehrer und Trost. Sie bietet eine Größe, die den Zeitgenossen fehlt, eine Größe von Bestand, sie erlaubt den Begriff „Mensch“ weiter auszuspannen und schöner zu erfüllen“ (S.36). Geschichte erscheint als Höhenzug, wo die „großen Momente im Kampfe der einzelnen“ (S.36) sich zu einer Kette des Erhabenen verbinden. Die Gefahr dieses Geschichtsbildes liegt dabei in der Verklärung, denn Geschichte ist hier nachahmenswürdig und vor allem aber auch zum „zweiten Male möglich“ (S.37).

 

(2) Als die zweite Art Geschichte zu betrachten gilt Nietzsche die des Bewahrenden und

Verehrenden, der auf eine antiquarische Historie blickt. In „Treue und Liebe“ (S.39) blickt er zurück woher er kommt, „worin er geworden ist“ (S.39). Dabei verinnerlicht er die Geschichte, sodass sie schließlich seine wird. Er findet sich selbst in ihr wieder, grüßt „die Seele seine Volkes als seine eigne Seele“ (S.40) und überwindet so selbst Jahrhunderte, entwirrt Palimpseste spielend leicht. Wertvoll ist diese Art der Geschichtsbetrachtung vor allem für die Menschen in bescheidenen Verhältnissen, gibt er ihnen doch die Geschichten, die sie an ihre „Heimat und Heimatsitte“ binden (S.41). Die Gefahr liegt hierbei in einer Verengung des Blickes einerseits, denn: „Das Allermeiste nimmt er gar nicht wahr, und das Wenige, was er sieht, sieht er viel zu nahe und isoliert.“ (S.41). Sowie in einer Geschichtsbetrachtung als Selbstzweck: Sie endet in „einer blinden Sammelwut, eines rastlosen Zusammenscharrens alles einmal dagewesenen. Der Mensch hüllt sich in Moderduft“ (S.41). So bewahrt die antiquarische Historie das Leben, kann aber keines zeugen und unterschätzt immer das Werdende.

 

  • Die kritische Historie hingegen ist die Betrachtungsweise des Leidenden und der Befreiung

Bedürftigen. (vgl. S.35) Sie ist nötig, die Wucherungen der monumentalischen und historischen Historie zu beschränken, um Platz für das Leben zu schaffen. Denn sie hat die Kraft „von Zeit zu Zeit (…) eine Vergangenheit zu zerbrechen und aufzulösen, um leben zu können.“ (S.42) Die kritische Betrachtungsweise zieht Geschichte vor Gericht, verurteilt sie, ob gerecht oder ungerecht.

 

Nietzsche plädiert für eine Betrachtungsweise der Historie, die dem Leben dient. Dabei geht es immer um ein Balance, zwischen historischem Bewusstsein, nicht zuletzt als Bewusstsein um persönliche, kulturelle oder theoretische Verstrickungen und Befangenheiten auf der einen, und der Fähigkeit des Vergessens, Zerschlagens und Neubeginnens auf der anderen Seite. Innerhalb dieser Pole bewegt sich der Nutzen der Historie.

 

 

Welche Gefahren hebt Nietzsche hier besonders hervor?

„Jede der drei Arten von Historie, die es gibt, ist nur gerade auf einem Boden und unter einem Klima in ihrem Rechte: auf jedem anderen wächst sie zum verwüstenden Unkraut heran.“ (S.39) Jede Art der Geschichtsbetrachtung braucht ein ihr eigenes Fundament. Nur was ist dieses Fundament? Eine Balance zur Gegenwart, also eine Dosierung die das Leben der Gegenwart, das Neutun, nicht erstickt, sondern bestenfalls belebt? Oder geht es Nietzsche hier um das eigene Fundament, das erkennbar bleibt und somit auch eine Unterscheidung zwischen den drei Arten der Historie möglich macht? Geht es also um das Bewusstsein, dass jede Art der Historie eine Art und nicht die Art ist, und das man Geschichte auch mit diesem Bewusstsein zu betrachten hat?

Oder geht es hier vor allem um die Balance der drei Arten der Historie untereinander? Um ein sich gegenseitiges Ergänzen und Aufheben?

 

Verlassen wir an dieser Stelle wieder das Nietzsche-Archiv, gehen über die kiesbedeckten Toreinfahrt zur Straße und blicken hinab auf Weimar. Was lässt sich nun sagen, über diese Stadt und die Geschichtsdarstellung, die wir hier vorfinden? Wir greifen uns drei Komplexe aus der Geschichte heraus: Goethe und Schiller, Bauhaus und Nationalsozialismus.

 

  1. Goethe und Schiller

 

Weimar bezeichnet sich nicht einfach als Weimar, sondern als „Kulturstadt Weimar“. Wer in Deutschland von Kultur spricht kommt an einigen prägenden Protagonisten nicht vorbei. Und schon gar nicht an Goethe und Schiller, den beiden herausragenden Figuren der „Weimarer Klassik“.

Ein Besuch auf der Website des Stadtmarketings[1] eröffnet augenblicklich eine schwindelerregende Spannbreite der Darstellung: Oben ein Banner, im Hintergrund das Deutsche Nationaltheater, davor glänzend poliert und vor Theater und blauem Himmel posierend Goethe und Schiller als Denkmal. In Bronze gegossen, überlebensgroß und auf einem hohen Sockel. Und dabei gleich groß, obwohl Schiller gut einen Kopf größer als der nicht gerade groß gewachsene Goethe war.

Direkt unter diesem klassischen Bild von hochkultureller Heldenverehrung befindet sich eine gelblich-grünliche Illustration. Dargestellt sind die Gesichter Goethes und Schillers, offenkundig in Anlehnung an die Darstellung des Denkmals, allerdings diesmal Pop-Art-mäßig karikiert, mit grauflächigen Schattenwürfen und zwei knallgrünen Sonnenbrillen. Daneben der Werbetext für den Weimarer Sommer: „Bis in den September hinein suchen Künstler, Publikum und Flaneure das Freie und finden in Weimar eine lässige Eleganz, wie sie nur europäische Kulturstädte ausstrahlen. Seien Sie dabei!“

Das 1857 eingeweihte Denkmal auf dem Theaterplatz spricht auf den ersten Blick die Sprache monumentalischer Historie. Die schiere Übergröße macht die beiden Dichter zu Helden. Überragend, wie der Höhenzug, der die Größe des Einzelnen zu einer Kette der Großtaten verbindet, die sich durch die Geschichte ziehen, dominieren sie den Theaterplatz. Gleich hoch, denn wie im Gebirge, hängen Größe und Höhe zusammen, und über die Größe der jeweiligen Dichter, will der Bildhauer Ernst Rietschel nicht urteilen. Vielmehr sind sie Eins, ein Bergmassiv mit doppeltem Gipfel. Vereint in ihren Insignien: Im Hintergrund eine (deutsche) Eiche, wenn auch nur als Baumstupf, eine Schriftrolle in Schillers Hand, als Zeichen für die Wortgewalt. Und in Goethes Hand ein Lorbeerkranz. Fast scheint es, als greife Schiller danach, oder übergibt Goethe ihn dem jüngeren Helden? Der Lorbeerkranz ist zum einen ein Symbol der Antike, in der er zunächst bei den Griechen für Reinheit und Vollkommenheit stand, später bei den Römern vor allem für einen großen Sieg. Und gerade diese Bedeutung von Kampf und Sieg ist für Nietzsche ein wichtiges Merkmal der monumentalischen Historie.

Nun ist das Denkmal in seinem historischen Kontext zu sehen. Es repräsentiert vor allem die Rezeption und symbolhafte Aufladung Goethes und Schillers in der Mitte des 19. Jahrhunderts. „Dem Dichterpaar GOETHE und SCHILLER Das Vaterland“ steht auf dem Sockel. Hier fließen offensichtlich Kulturrezeption und vaterländische Bewegungen ineinander. Goethe und Schiller werden als Teil eines geistig-kulturellen Überlegenheitsdiskurses ins Felde geführt. Das ist monumentalisch, und nicht etwa antiquarisch, denn es geht hier nicht um das Bewahren, es geht um eine Verknüpfung von vergangener und zukünftiger Glorie.

Ganz anders das moderne Bildnis in Pop-Art-Farben. Die Stadt bewirbt den Sommer in Weimar. Für Weimar stehen symbolisch Goethe und Schiller, für den Sommer die Sonnenbrille. Die Kombination ist wohl Ergebnis eines völlig entkrampften Symbolismus in den Fabriketagen hipper Werbeagenturen. Das wilde Verrühren verschiedener Zitate, hier also Goethe, Schiller, Pop-Art, Comic, Rayban, vielleicht sogar ein bisschen Techno? erzeugt ein neues Zeichen: Wir sind lässig. Diese Lässigkeit ist als Kernbotschaft das Pendant zur vaterländischen Glorie der 1850er. Wo 1857 der große Sieg das Leitmotiv der vaterländischen Marketingabteilung war – quasi das große Narrativ – steht 2014 die Lässigkeit mit ihrem achselzuckenden „anything goes“. Natürlich geht es nicht mehr um die nationale Einheit oder einen Sieg gegen die europäischen Nachbarn und Erbfeinde, neben den weiterentwickelten Metaphern und Mash-up-Strategien haben sich auch die Ziele des großen Kampfes verschoben: Gewonnen und verloren wird heute im Kampf um ein verkaufsträchtiges Image, es geht um Touristen, Gewerbeeinnahmen und Fördergelder.

Aber wie lässt sich das 2014er Goethe und Schiller-Bildnis nun in Nietzsches monumentalistische, antiquarische und kritische Geschichtsbetrachtungen einordnen? Das Monumentalische wird gebrochen, ja gerade das ist ein Kern der Darstellung. Hier wird nicht das Alte, Große und Ehrwürdige dargestellt, damit sich der zeitgenössische Tätige und Strebende daran heraufziehen kann, zum Trost und zur Ermutigung. Das Monumentalische ist vor allem dann von Nutzen, wenn das Gegenwärtige nichts vergleichbar Großes bietet, und so wird eine historische Kontinuität von Größe beschworen, in dessen Reihe man sich stellen kann: Eine Strategie die mühelos die Jahrhunderte überwindet, aber eben in der Rückschau, mit Blick auf die Vergangenheit. Hier passiert eher das Gegenteil, denn Goethe und Schiller werden in die Gegenwart katapultiert. Sie werden dargestellt als zeitgenössische Bohemians, junggeblieben, zwei coole Säue. Das ist nun wie eine Antithese zum Monumentalischen: Wird dort die profane Gegenwart durch Vergangenheits-beschwörung unterfüttert, wird hier die Vergangenheit durch Gegenwartstechniken aufgefrischt. Die Botschaft lautet nicht: Wir sind gut, weil wir groß und alt sind; sondern: Wir sind gut, weil wir groß und immer noch jung sind. Die antiquarische Historie legt den Fokus auf das Bewahren, allerdings im Sinne einer dokumentarischen Treue. Zwar bewahrt die Darstellung des hippen Goethe und Schiller auch, aber ganz anders: Hier versucht man nicht zu bewahren, indem man etwas Historisches innerhalb seines historischen Kontextes erhält und so versucht es dem Verschwinden im Laufe der Jahrhunderte zu entreißen, sondern indem man es aktualisiert. Goethe und Schiller werden hier nicht ins Archiv gestellt, sondern in den Club und sollen dadurch interessant bleiben. Vielleicht findet sich hier ein Moment, der Entwurzelung statt, von dem Nietzsche schreibt: „Jede der drei Arten von Historie, die es gibt, ist nur gerade auf einem Boden und unter einem Klima in ihrem Rechte: auf jedem anderen wächst sie zum verwüstenden Unkraut heran.“ (S.41) Auch wenn in der hippen Pose noch mehr der antiquarischen Geschichtsbetrachtung aufscheint: Das Folkloristische, das den für Nietzsche großen Nutzen hat, dass es „seßhaft macht“ (S.41), weil es bekannt ist und dadurch ein Kapitel in der großen Erzählung von „Heimat und Heimatsitte“ (S.41). Der wilde Mix bekannter Zeichen und Metaphern in der Darstellung von 2014 beinhaltet eben nichts Unbekanntes. Geradezu im Gegenteil: Ein Zeichenrisotto dieser Art funktioniert nur dann, wenn es nur Bekanntes verkocht. Jede unbekannte Zutat stiftet Verwirrung und macht das neu entstehende Zeichen beliebig. Denn die eigentliche Botschaft entsteht nicht in der Interpretation der einzelnen Zitate und ihrer Verbindung, sondern in der Verwegenheit ihrer zwanglos-bruchstückhaften Kombination. Die eigentliche Botschaft sind nicht die Verweise hinter den Zitaten, sondern die Art des Zitierens. Und das lässt sich nur erkennen, wenn man die Zeichen deuten kann, weswegen es stets die Populären sind. Ausgelöst wird so beim Betrachter nicht ein Nicht-Erkennen, sondern ein Erkennen vom vielem verschiedenen. Da ist dann schon für jeden was dabei, eine kleine Heimat. Und Goethe und Schiller sind dann auch nicht mehr so fremd. Sie stehen nicht mehr auf dem Sockel, was allerdings nicht bedeutet, dass man ihnen nun endlich in die Augen sehen kann: Nein, nun tragen sie Sonnenbrillen.

Auch die kritische Historie gibt die ein oder andere Interpretationsvorlage des Rezeptionsfeldes, ohne so recht zu passen. Wird hier Geschichte zerschlagen? Ja, denn sie wird de-kontextualisiert. Und Nein: Denn das geschieht nur, um sie augenblicklich wieder zu re-kontextualisieren. Dieser Bewegung geht es nicht um ein vor-Gericht-ziehen der Geschichte, um ein gnadenloses Verurteilen um Platz für Neues zu schaffen (S.42). Denn es geht nicht um Neues, es geht um das DJ-hafte Spiel des Ineinanderfügens gefundener Puzzleteile aus dem Haufen der Geschichte. Es geht nicht um ein Bewusstwerden historischer Kontexte, um sie zu überwinden und die Ketten zu sprengen, es geht um ein fröhliches Verknoten dieser Ketten.

Aus allen Arten der Historie lassen sich Elemente in diesem kleinen Ausschnitt des Weimarer Goethe-Schiller-Komplexes finden. Spricht das für eine Balance? Dafür, dass alle Arten sich gegenseitig austarieren, und wir es mit einem fruchtbaren Geschichtsverständnis zu tun haben? Oder betrachten wir hier einen Umgang mit Geschichte, den Nietzsche noch nicht kennen konnte? Eine Art postmoderner Geschichtsbetrachtung, eine semantische Historie?

 

  1. Bauhaus

 

Und nun auch noch das Bauhaus. Ein weiterer kultureller Tanker, der von Weimar aus in die Welt hinaus schipperte. Weimar war Ausgangsort für die Gründung einer der bedeutendsten Kunsthochschulen und somit Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts. Das Bauhaus wurde ein Jahr nach Beendigung des ersten Weltkrieges in Weimar gegründet und musste bereits im Jahre 1925 auf Druck der thüringischen Regierung die Stadt verlassen. Diese andere, neue, unverständliche Kunst hatte wohl im bürgerlichen Weimar des frühen 20. Jahrhunderts keinen Platz. Das Bauhaus verband die bildenden, angewandten und darstellenden Künste auf eine Art und Weise, die bis heute charakteristisch für moderne und avantgardistische Kunst, Architektur und Design ist.

Das gegenwärtige Weimar will diese bedeutsame Geschichte nun bewahren. Nur wenige Meter neben dem Goethe-Schiller-Denkmal und dem Deutschen Nationaltheater, wird im Bauhaus Museum die Geschichte der Kunsthochschule aufgearbeitet und Exponate aus der Schaffensphase des Bauhauses präsentiert. Das derzeitige Ausstellungsgebäude, eine ehemalige Wagenremise aus dem frühen 19. Jahrhundert, in dem das Museum seit Mitte der 1990er Jahre ansässig ist, konterkariert die Bauhauskunst. Die Bauhauskunst inmitten eines historischen Ensembles im historischen Stadtkern von Weimar wirkt unpassend. In einigen Jahren soll das neue, maßgeschneiderte Bauhausmuseum in Nachbarschaft zum ehemaligen Gauforum entstehen. Ein weiteres Relikt der frühen Bauhauskunst ist das Musterhaus Am Horn, welches zur Bauhaus-Ausstellung im Jahre 1923 errichtet wurde und circa 200 Meter südlich von Goethes Gartenhaus gelegen ist. Einst Privatwohnhaus, wird es heute als Museum genutzt. Das für Stadt und Stadtbewohner Weimars wohl bedeutendste Erinnerungsstück an die Bauhauskultur ist die Bauhaus-Universität Weimar. Nachdem die Namensgebung der Hochschule für über 80 Jahre keinen Bauhausbezug aufwies, erhielt die Hochschule für Bauwesen und Architektur im Jahre 1996 ihren heutigen Titel Bauhaus-Universität Weimar. Die Geschichte des Bauhauses ist somit in starkem Maße mit der Geschichte der Stadt Weimar verbunden.

Der Nutzen der Geschichte für die Stadt Weimar aus der Bauhauskultur ergibt sich auf vielerlei Ebenen. So ist die Bauhauskultur identitätsstiftend für die heutige Bauhaus-Universität Weimar, für deren Mitarbeiter und Studenten. Als solches versuchen sie den „Tätigen“ und „Strebenden“ (S. 35), wie beispielsweise Walter Gropius, dem Begründer des Bauhauses, nachzueifern, das bereits einmal geschaffte Große, Monumentale erneut zu schaffen. Es gibt den Mitarbeitern und Studenten Mut und nimmt den Zweifel in Stunden, in denen der Wille schwächer ist. „Dass die großen Momente im Kampfe des Einzelnen eine Kette bilden, dass in ihnen ein Höhenzug der Menschheit durch Jahrtausende hin sich verbinde, dass für mich das Höchste eines solchen längst vergangenen Momentes noch lebendig, hell und gross sei – das ist der Grundgedanke im Glauben an die Humanität, der sich in der Forderung einer monumentalischen Geschichte ausspricht.“ (S. 36) Das Große soll also weiterleben und überdauern. Diese heutige Deutung des Bauhauses erscheint deshalb interessant, da die ursprüngliche Intention der Bauhauskünstler vermutlich eine andere war. Sie verfolgten eine Kunstrichtung, die sich gegen etablierte Formen, Farben und Architekturen richtete. Sie war gegen das traditionelle, oft monumentale Verständnis von Kunst, welches sich z.B. an antiker Baukunst orientierte. Als solches war die Bauhauskunst zu Zeiten ihrer Gründung und Hochphase einer kritischen Geschichtsperspektive verschrieben. Dass der Bauhauskunst heute oft eine monumentale Historie und Bedeutung zugeschrieben wird, macht die Gegensätzlichkeit und Ambivalenz der historischen Entwicklung deutlich. Scheint das Bauhaus doch aus einer gegen das Establisment gerichteten Bewegung entstanden zu sein, ist sie heute das Estbalishment selbst oder zumindest eine maßgebliche Größe unserer Zeit, die häufig für zeitlose, schnörkelose und somit unkritische Kunst und Architektur steht.

Für Nietzsche ist die Form monumentalischer Geschichtswahrnehmung auch der „(…) Glaube an die Zusammengehörigkeit und Continuität des Grossen aller Zeiten, es ist ein Protest gegen den Wechsel der Geschlechter und der Vergänglichkeit.“[2] Ähnlich verhält sich die Reproduktion der gegenwärtigen Bauhauskultur als antiquarische Historie. Die Geschichte des Bauhauses gehöre in dieser Deutungsweise zur Geschichte der Stadt Weimar: „Indem er das von Alters her Bestehende mit behutsamer Hand pflegt, will er die Bedingungen, unter denen er entstanden ist, für solche bewahren, welche nach ihm entstehen sollen – und so dient er dem Leben.“ (S.28)

Der Blick der Gegenwart auf die monumental-antiquarische Bauhausgeschichte birgt jedoch auch Gefahren. So könne „(…) etwas verschoben, ins Schöne umgedeutet und damit der freien Erdichtung angenähert zu werden; (…)“ (S.37), diese Idealisierung von Geschichte kann für Nietzsche unter Umständen so weit gehen, dass zwischen einer monumentalischen Vergangenheit und einer mythischen Fiktion kaum noch unterschieden werden könne. Die Gefahr der Umdeutung des Bauhauses als mythische Fiktion scheint in Weimar nicht zu bestehen. Viel mehr prägen und formen die rund 4.000 Studenten der Bauhaus-Universität das Stadtbild in dem sie dem historisierenden Weimar eine Zeitgenössigkeit verleihen. Zwar hält diese zeitgenössiche Lebenskultur selten länger als die Dauer eines Bachelor- oder Masterstudiums, doch sie erscheint nötig, da ohne sie die Gefahr bestünde, dass die antiquarische Geschichtsproduktion, die häufig keinen Platz für zeitgenössiche Lebenskultur bietet, in der Stadt Weimar eine einseitige Ausprägung finden könnte.

 

  1. Nationalsozialismus

 

In Weimar sind die Rückstände des Nationalsozialismus allgegenwärtig. Bereits am Hauptbahnhof lassen sich erste Spuren der nationalsozialistischen Stadtgeschichte ausmachen. Von diesem Ort aus mussten unzählige Opfer ihren Weg in das Konzentrationslager Buchenwald antreten. Das ehemalige Konzentrationslager und die heutige Gedenkstätte Buchenwald liegen nur wenige Kilometer nordwestlich des Stadtkerns von Weimar. Die auf dem Ettersberg gelegene Gedenkstätte scheint trotz ihrer geografischen Nähe, mit Weimar selbst wenig in Verbindung gebracht zu werden. Buchenwald und Weimar, so scheint es, sind häufig zwei getrennte Geschichten. Doch die circa 15 Kilometer lange, eingleisige Bahnstrecke wurde während des zweiten Weltkrieges eröffnet und verbindet Weimar und Buchenwald auch heute, wenn nicht physisch, über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus, miteinander. Auf dem Weg vom Hauptbahnhof in Richtung Innenstadt passiert man entlang des Weimarplatzes das frühere Gauforum und die Halle der Volksgemeinschaft. Heute ist das ehemalige Gauforum Sitz des Thüringischen Landesverwaltungs-amts. Die Halle der Volksgemeinschaft wurde umgebaut und wird nun als Einkaufszentrum genutzt. Wie verhält sich eine Stadt zu ihrer Historie, in der neben aller kultureller Größe und Bedeutsamkeit die nationalsozialistische Katastrophe so nahe ist? Wie bringt man die „Kulturstadt Weimar“ mit der nationalsozialistischen Stadthistorie zusammen? Eine mögliche Interpretation mag Nietzsche und seine Auffassung von der kritischen Art der Historie geben: „Mitunter aber verlangt eben dasselbe Leben, das die Vergessenheit braucht, die zeitweilige Vernichtung dieser Vergessenheit; dann soll es eben klar werden, wie ungerecht die Existenz irgend eines Dinges, eines Privilegiums, einer Kaste, einer Dynastie zum Beispiel ist, wie sehr dieses Ding den Untergang verdient. Dann wird seine Vergangenheit kritisch betrachtet, dann greift man mit dem Messer an seine Wurzeln, dann schreitet man grausam über alle Pietäten hinweg.“[3] Doch ist es wahr, dass die nationalsozialistische Geschichte von Weimar einfach dem historischen Messer zum Opfer gefallen ist? Nein, denn das Stadtbild ist wie oben beschrieben augenscheinlich von nationalsozialitischen Rückständen geprägt. Sie werden eben nur anders inszeniert, umgenutzt und nicht so offensiv thematisiert wie andere historische Momente. Natürlich birgt dieser Prozess Gefahren. Für Nietzsche ist ein solcher Prozess, in dem Vergangenheit gerichtet und vernichtet wird, ein für das Leben selbst gefährlicher Prozess. So betont er, dass „(…) da wir nun einmal Resultate früherer Geschlechter sind, sind wir auch die Resultate ihrer Verirrungen, Leidenschaften und Irrtümer, ja Verbrechen; es ist nicht möglich sich ganz von dieser Kette zu lösen.“ (S. 43) Diese Verantwortung ist der Stadt Weimar sicher bewusst. Trotzdem scheint neben der Verarbeitung aller kulturellen Höhen der Stadtgeschichte, eine Verarbeitung der historischen Niederungen der Stadt manchmal zu kurz zu kommen. Dieser Eindruck entsteht gerade dann, wenn man hinter einer Zimmertür des ehemaligen Gauforums eine Ausstellung zum Nationalsozialismus in Weimar entdeckt, in der es weder Museumspersonal gibt, welches einen begrüßt, Fragen beantwortet oder das Licht einschaltet. Wenn man eine Erklärung für diese kritische Geschichtsdeutung bei Nietzsche sucht, so stößt man unter anderem auf den Verweis: „Es ist nicht die Gerechtigkeit, die hier zu Gericht sitzt; es ist noch weniger die Gnade, die hier Urteil verkündet: sondern das Leben allein, jene dunkle, treibende, unersättlich sich selbst begehrende Macht.“ (S.42) So solle auch die kritische Historie, wie die beiden anderen Arten der Historie, im Dienste des Lebens stehen.

Die nationalsozialistischen Verbrechen ereigneten sich circa dreißig Jahre nach dem Tod Nietzsches. Womöglich hätte Nietzsche anders über eine kritische Art der Historie geschrieben, wenn ihm die nationalsozialistischen Verbrechen bekannt gewesen wären. Denn es gibt gewiss Ereignisse, die niemals dem Messer der kritischen Historie zum Opfer fallen dürfen, auch wenn sie das gegenwärtige Leben noch so schwerlich zu ertragen machen; auch wenn die kritische Historie dem Leidenden und der Befreiung des Bedürftigen diene solle. (S. 35)

Letztlich fielen Nietzsches Schriften und Gedanken den Nationalsozialisten selbst zum Opfer. Sie missbrauchten sie für ihre Zwecke, errichtet dem Philosophen neben seinem Sterbebett in der Weimarer Humboldtstraße sogar eine Gedenkhalle. Sie missbrauchten sein Werk für ihre monumentalischen und antiquarischen Geschichtsbilder. Auch Nietzsche wusste, dass der Missbrauch Teil des Nutzen und Nachteils der Historie für das Leben sein kann.

 

  1. Schlussbemerkung

 

Die Exkursion nach Weimar hinterließ ein Bild von einer Stadt, welches im ersten Moment überhistorisch erschien. Selten findet man eine Stadt vor, die auf einem so engen Raum eine solche historische Vielfalt darbietet: Weimarer Klassik, Bauhaus, Weimarer Republik, Nationalsozial-ismus und die Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik prägen das Leben der Gegenwart, indem sie Anziehungspunkt für Touristen, Einnahmequelle für Stadt und Gewerbe-treibende, Identifikationsmerkmal, aber auch Reibungspunkt und Inklusions- und Exklusions-moment für die Stadtbewohner sind. Auch wenn sich die überhistorische Wahrnehmung selbst nicht auflösen lässt, so half die Analyse der historischen Dimension mit Hilfe Nietzsches dabei, sich dem Weimarer Palimpsest zu nähern und besonders gegenwärtige Prozesse in der Stadt besser verstehen zu können.

 

 

 

 

 

 

Quellen:

Alle nicht mit Fußnoten gekennzeichneten Zitate (Seitenzahlen in Klammern) entstammen:

Nietzsche, Friedrich: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Salzburg 1980.

[1] www.weimar.de, abgerufen am 16. August, 12:43.

[2] Nietzsche, Friedrich: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Dietzingen 2009, S.22.

[3] Nietzsche, Friedrich: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Dietzingen 2009, S.34.

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Die Nietzsche-Connection

Themenschwerpunkte (Moritz Jansen und Robert Post)

Biografie des Friedrich Wilhelm Nietzsche

Nietzsches Werk und historische Einordnung

Die Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche

Weimar und das Nietzsche-Archiv

 

Literatur

Naake, Erhard: Nietzsche und Weimar, Werk und Wirkung im 20. Jahrhundert, 2000 (Böhlau Verlag)

Schirmer, Andres & Schmidt, Rüdiger (Herausgegeben im Auftrag der Stiftung Weimarer Klassik): Wiedersprüche, Zur frühen Nietzsche Rezeption, 2000 (Verlag Hermann Böhlaus)

Safranski, Rüdiger: Romantik, Eine deutsche Affäre, 2009 (Fischer Taschenbuch Verlag)