Musikstadt Weimar – Auf Den Spuren Neuer Musik

Wenn man nach Weimar fährt, so denkt man sicher nicht als erstes an  zeitgenössische bzw. Neue Musik. Dennoch hat diese Musikrichtung nicht zuletzt aufgrund der Weimarer Frühjahrstage des größten Verbands Neuer Musik in Weimar, via nova, durchaus an Bedeutung gewonnen und bringt zumindest während der Festivaltage mächtig Leben in die Stadt.

Neben dem klassischen Musikangebot in Weimar, kann gerade durch die Neue Musik, ein anderes musikalisches und vor allem jüngeres Publikum angesprochen werden. Sowohl Touristen aber auch die Bewohner Weimars können erreicht werden. Auch etablierte, der Klassik angesiedelten Institutionen und Veranstaltungen haben dies verstanden und öffnen sich verstärkt, der sonst zur Nischensparte zugeordneten experimentellen Musikrichtung.

Doch was ist eigentlich Neue Musik?

Der Experte für Neue Musik und u.a. Mitglied des Deutschen Musikrates Stefan Fricke macht in seiner Begriffsdefinition deutlich, dass “Bezeichnungen, die synonym für die in den letzten gut 100 Jahren entstandene „ernste“ Musik und das damit verbundene Aufführungs- und Publikationswesen stehen, (…) immens [sind] und vermag schon einen ersten Eindruck vom weitgespannten Spektrum der ästhetischen Gegenwartsschallspiele in Deutschland zu vermitteln: z. B. zeitgenössische Musik, Musik des 20./21.Jahrhunderts, moderne Musik, aktuelle Musik, Musik unserer/der Zeit, Avantgarde-Musik, Musik der Gegenwart, neue bzw. Neue Musik (gelegentlich auch neueste Musik). Kurzum: Zeitgenössische Musik ist weder ein stabiler, konturenscharfer Begriff noch bezeichnet dieser ein ästhetisch präzise abgezirkeltes Terrain. Er benennt vielmehr eine bemerkenswert vielfältige Kunstklangproduktion von heute und den Jahrzehnten zuvor sowie eine aktuelle vielgesichtige, offene und offener werdende Szene. (Stefan Fricke, Zeitgenössische Musik. Strukturen und Entwicklungen (MIZ)

Touristische Vermarktung, Darstellung und Förderung von Neuer Musik in Weimar:

Neue Musik hat in Weimar meist einen Exotenstatus und steht nicht primär im Bild der Vermarktung der Musikstadt Weimar.

Insgesamt gibt es in Weimar und Thüringen aber immerhin rund sieben (davon sechs in Weimar) Ensembles von deutschlandweit rund 180[1], zwei größere Festivals, eine Arbeitsgruppe, ein Institut an der Hochschule für Musik, rund 13 wichtige Vereine und Verbände und drei Wettbewerbe (von deutschlandweit 13 Wettbewerben)[2] für Neue Musik[3]. Die Weimarer Frühjahrstage für zeitgenössischen Musik hatten im Jahr 2014 ihr 15 jähriges Jubiläum, gefördert mit einem Etat in Höhe von 60.000 Euro von einem Gesamtetat für Musik (und Theater) in Thüringen von ca. 114 Mio. Euro.[4]

Wenn man auf die offizielle Seite der Stadtverwaltung Weimar schaut und nach musikalischen Veranstaltungen oder Institutionen sucht, wird deutlich, dass hier das Thema Musik oder gar alternative Musikveranstaltungen mäßig bis gar nicht aufgeführt werden. Die Impulsregion Weimar, Jena, Erfurt, Weimarer Land[5] hingegen hat einen etwas vielfältigeren Veranstaltungskalender herausgegeben. Zudem gibt es Stadtführungen in Weimar zum Thema Musik.

Um die Weiterentwicklung der Neuen Musik voranzutreiben und vor allem eine stärkere Präsenz im In- und Ausland zu arrangieren, findet man in Deutschland zahlreiche Fördervereine wie Via Nova- zeitgenössische Musik in Thüringen e.V.

Bildschirmfoto 2014-07-06 um 15.53.29

Der Verein sieht seine Aufgabe darin, die zeitgenössische Musik zu unterstützen und den Komponisten und Musikern die Möglichkeit zu geben sich in einem nationalen und internationalen Netzwerk zu verbinden.

Die Tätigkeit des Vereins besteht darüber hinaus  darin, die Konzertreihe KLANGNETZ THÜRINGEN oder auch die „Weimarer Frühjahrstage“, ein internationales Festival, zu organisieren und zu veranstalten. Zudem schreibt der Verein auch regelmäßig zwei internationale Komponistenwettbewerbe für Kammermusik und Orchester aus. Via Nova- zeitgenössische Musik in Thüringen e.V. ist als Verein und das Vereinsregister eingetragen und erhält keine institutionelle Förderung.

Bildschirmfoto 2014-07-06 um 15.48.57

 

Die Veranstaltungen der 15. Weimarer Frühjahrstage fanden vorwiegend im Kulturzentrum mon ami statt, aber auch an Orten wie dem e-Werk und die Eröffnungsfeier im Gaswerk. Es werden 20 Uraufführungen geboten. Für einen Etat von 60.000 Euro hat der Komponist und Festivalleiter Johannes K. Hildebrandt gemeinsam mit seinem Team vom 25. bis 30. April 2014 ein anspruchsvolles Frühjahrstage-Programm aufgelegt. Zu Gast waren internationale Ensembles und Interpreten aus Deutschland, Norwegen und der Schweiz.

Flyer-Vorderseite-aktuell

Was die Vernetzung des Vereins in Weimar betrifft, war es in früheren und heutigen Zeiten so, dass von öffentlicher Seite viel Geld in die Klassik investiert wurde. Die Klassik Stiftung Weimar und ähnliche Institutionen profitieren von diesem Vorhaben. Im Gegenzug befinden sich Vereine wie Via Nova- zeitgenössische Musik in Thüringen e.V.  in einer schwierigen finanziellen Lage.

Erst seit dem letzten Jahr kommt Bewegung ins Spiel. Auch anderen klassischen Stiftungen   in Weimar werden nicht mehr die Gelder zugesprochen, die sie einst bekamen. Sie sind auf ein Netzwerk angewiesen, dass sie bis hin zu Sparten wie der Neuen Musik ausbauen müssen.

Auch das Kunstfest in Weimar ist darauf angewiesen sein Netzwerk zur Neuen Musik auszubauen. Schon lange Zeit ist nicht mehr der Weimarer ein Besucher des Festes, sondern die angereisten Touristen- der Bezug zur Stadt fehlt vollkommen. Man möchte, dass sich auch die Weimarer wieder mit dem Kunstfest identifizieren können. Dies zwingt die Institution Kunstfest sich neue modernere Musikrichtungen anzueignen und diese in ihrem Bestreben zu unterstützen.

Desgleichen begrüßt das Land Thüringen diese Kooperationen, jedoch hat das einen finanziellen und keinen kulturellen Hintergrund. Diese Kooperation sehen die Vereine jedoch als ein Problem, da sie sich, auch wenn es zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit führt,  die Gelder gegenseitig kürzen.

Im Allgemeinen ist festzuhalten, dass die Bindung zwischen den verschiedenen Vereinen und Förderverbänden mehr zusammenwachsen muss, um ein festes Musikgerüst zu bilden, das dem Giganten Klassik entgegenstehen kann.[1]

Der Wunsch des via nova e.V. ist vor alle, dass die Finanzierung dieses und anderer Projekte auch in der Zukunft noch mehr abgesichert wird und Wertschätzung erhält, die diese innovative Musik verdient. Neue Musik ist ein Experimentierfeld das eine lebendige zukunftsorientierte Kulturgesellschaft braucht, gerade in Weimar. Zu wünschen wäre außerdem eine bessere Kooperation und Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen der Stadt wie zum Beispiel der Musikhochschule.[2]

Neue Musik muss zudem „erneuert“ werden und so will der via. Nova. e.V. nach 15 Jahren Frühjahrstage  zur „Auffrischung“ neue Publikumsschichten erreichen. Dieser Vorsatz gelang bei der Clubnacht und ein paar der Partygänger fanden auch ihren Weg in die übrigen Konzerte des Festivals, das am 25. April 2014 durch das norwegische “Ensemble NeoN” eröffnet wurde. Anlässlich William Shakespeares 450. Geburtstag waren Komponisten aus Deutschland und Skandinavien aufgefordert worden, sich kompositorisch mit dessen Werk auseinanderzusetzen. Eine besonders wichtige Rolle spielt bei den Weimarer Frühjahrstagen seit vielen Jahren die Fahndung nach musikalischem Nachwuchs. Mittlerweile traditionell sind die Konzerte des Landesjugendensembles Neue Musik Thüringen. Während bei den Wiener Festwochen die Konzerte von “Kraftwerk” einen Besucheransturm versprechen, mehren sich auch in Weimar die Zeichen, dass die “digital natives” die Bühnen der Hochkultur erstürmen. Zu dieser Generation gehören die Gebrüder Teichmann. Hatten die beiden bei der Jubiläumsparty der Weimarer Frühjahrstage noch Clubsound geboten, kooperierten sie bei ihrem offiziellen Festivalauftritt mit dem Fathom Strin Trio um den großartigen Schweizer Cellisten Moritz Müllenbach.[3]

20140426_223826

Bilder von den 15. Weimarer Frühjahrstagen im Gaswerk

20140427_013229
Zusatzveranstaltung der 15. Weimarer Frühjahrstage: Clubabend mit den Gebrüdern Teichmann und Local-DJs im Gaswerk Weimar
20140427_021235
Zusatzveranstaltung der 15. Weimarer Frühjahrstage: Clubabend mit den Gebrüdern Teichmann und Local-DJs im Gaswerk Weimar

Was in allen Publikationen und auch im Interview mit J. Hildebrandt deutlich wird, ist, dass Neue Musik ein Magnet für jüngeres Publikum sein möchte und damit dazu beitragen kann, Türen zu öffnen und Netzwerke zu schaffen, zwischen Hoch- und Subkultur bzw. E und U Musik. Damit erweitert Neue Musik auch in gewisser Weise das Spektrum der Musikstadt Weimar bis hin zur internationalen Strahlkraft. Dazu hat nicht zuletzt auch der Verein via nova einen großen Beitrag geleistet.

Stefan Fricke gibt zudem einen positiven Ausblick auf die zunehmende Bedeutung zeitgenössischer Musik in Deutschland: “Die zeitgenössische Musik in Deutschland (ist) keine pure Nischenkunst mehr. Die Zahl derer, die sich hierzulande für aktuelle, avanciert-subtile Kunstklangproduktionen interessieren, sie hören und sich mit ihnen auseinandersetzen, wächst stetig, vor allem in jüngster Zeit. Diese überaus positiv zu bewertende Entwicklung ist das Ergebnis des jahrzehntelangen Engagements von Komponisten, Interpreten, Musikologen, Vermittlern und Veranstaltern. Ein Engagement, das weiterhin eine breite Unterstützung benötigt und zugleich der nachhaltigen materiellen wie ideellen Förderung durch die Gesellschaft bedarf.”[4]

[1] Zusammenfassung des Interviews mit Johannes K. Hildebrandt und Melanie Czarnofske (Juni 2014)

[2] Vgl. TLZ, 25.04.2014 (Interview mit Johannes K. Hildebrandt (Christiane Weber): Neue Musik bereichert

[3] Vgl. NMZ 6/14, Altbewährtes und elektronische Experimente – Die 15. Weimarer Frühjahrstage für zeitgenössische Musik

[4] Stefan Fricke, Zeitgenössische Musik. Strukturen und Entwicklungen (MIZ)

[1] http://www.miz.org/suche.html

[2] http://www.miz.org/intern/uploads/statistik109.pdf

[3] Deutscher Musikrat

[4] http://www.miz.org/intern/uploads/statistik71.pdf (2009)

[5] http://www.impulsregion.de/

Werbeanzeigen