Vom Nutzen und Nachteil der Historie für die Stadt Weimar

(Von Moritz Jansen & Robert Post)

 

 

  1. Ein Stadtspaziergang

 

Es gibt wohl wenige Städte die so getragen sind von ihrer eigentlichen oder vermeintlichen Geschichte wie Weimar. Ein einfacher Spaziergang vom Bahnhof hinunter, durch die Stadt und dann hinauf zur Humboldtstraße lässt einen durch eine Geschichtslandschaft wandern, die voller Reste, Inszenierungen und Denkmäler ist. Gleichsam ein Palimpsest deutscher Mythen, Narrative und Katastrophen. Der Neoklassizistische Bahnhof, in seiner heutigen Form zu den Zeiten der Weimarer Republik errichtet, soll in die Antike verweisen. Ein Anschluss an vergangene Größe, an Philosophie, Gelehrsamkeit und Kultur. Nicht umsonst ist der Haltepunkt nicht bloß ein Bahnhof, er ist ein KulturBahnhof. Nun sind Bahnhöfe bekannterweise Transiträume. Woher und wohin mäandert hier wohl die Kultur? Hält sie? Fährt sie fort, woanders hin? Oder ist sie nur auf der Durchreise? Und woher kommt sie: Aus der Vergangenheit, aus der Gegenwart, aus Europa?

Der gleiche Bahnhof ist auch Ausgangspunkt für den Transport vor allem jüdischer Menschen in das nahegelegen Konzentrationslager Buchenwald. Der ganze Bahnhofsvorplatz bietet Geschichte und Geschichten von alten und neuen Nazis, gleichsam wie von Widerstand und Gedenken. Vorbei am Hotel Kaiserin Augusta, Ehefrau von Friedrich Wilhelm I, die Carl-August-Allee hinab. Rechter Hand ein Denkmal in sozialistischem Stil auf dem Buchenwaldplatz: „Aus Eurem Opfertod wächst unsere sozialistische Tat“, steht da verblasst an der Wand. Wenn keiner etwas dagegen tut, wird der Spruch mit der Zeit verschwinden. Weiter, um eine Kurve und dann ein kurzer Blick auf das ehemalige Gauforum. Vorne rechts ein Glockenturm, ganz hinten in der ehemaligen Halle der Volksgemeinschaft ein Einkaufszentrum. Der Platz über der Tiefgarage hieß mal Adolf-Hitler-Platz und Karl-Marx-Platz. Heute heißt er Weimar-Platz. Auch dieses Ensemble soll an die Antike erinnern: Forum, Atrium, lange Säulengänge, monumentale Zitate. Das Dokumentationszentrum ist verschlossen, ein nicht-öffentliches Museum, Zutritt nur mit Hilfe eines Zugangsberechtigten.

Weiter über die Karl-Liebknecht-Straße zum Goetheplatz und dann Richtung Theaterplatz. Zwischen dem Deutschen Nationaltheater und dem Bauhaus-Museum das Goethe und Schiller Denkmal. Gewidmet vom Vaterland. Vorbei an Schillers Wohnhaus, am Goethe-Haus und dann noch ein Abstecher über den Campus der Bauhaus-Universität. Vorbei am Friedhof, vielleicht werfen wir einen kurzen Blick hinauf zur Fürstengruft. Noch einige Villen auf der linken Seite und dann biegen wir ab und steigen die steile Humboldtstraße hinauf. Vor der Nummer 38 bleiben wir stehen, atmen durch und treten ein. Über der Türe steht: Nietzsche-Archiv.

Hier also führte uns der letzte Tag unserer dreitägigen Weimar-Exkursion hin. An einen erhöhten Ort. Ein Ort, der in Weimar sowohl geografisch wie auch intellektuell erhöht zu sein scheint. Ein Ort, der nicht nur für das Verständnis des Werkes des Philosophen Friedrich Wilhelm Nietzsche, sondern auch für das Verständnis Weimars von großer Bedeutung ist. Die Eindrücke und Erfahrungen unserer Exkursion zeichneten ein Bild von Weimar, welches, aus stadtforscherischer Sicht, mehr und mehr komplex und vor allem historisch auf- wenn nicht sogar überladen erschien. So versuchten wir im Anschluss der Exkursion eine Möglichkeit zu finden, uns das heutige Weimar besser erschließen zu können und die gewonnen Eindrücke vom gegenwärtigen und vergangenen Leben in der Stadt besser verstehen zu können. Der Besuch im Nietzsche-Archiv gab sodann den Anstoß für dieses Vorhaben.

 

  1. Nietzsches Dreiheit von Arten der Historie

 

„In dreierlei Hinsicht gehört die Historie dem Lebendigen; sie gehört ihm als dem Tätigen und Strebenden, ihm als dem Bewahrenden und Verehrenden, ihm als dem Leidenden und der Befreiung Bedürftigen. Dieser Dreiheit von Beziehungen entspricht eine Dreiheit von Arten der Historie: sofern es erlaubt ist, eine monumentalistische, eine antiquarische und eine kritische Art der Historie zu unterscheiden.“ (S.35)

 

Nietzsche unterscheidet in seinem Aufsatz Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben also drei Arten von Historie, die im Folgenden kurz erläutert seien:

 

(1) Die monumentalische Historie, wird von Tätigen und Strebenden erzählt, Geschichte ist hier voller Vorbilder, Lehrer und Trost. Sie bietet eine Größe, die den Zeitgenossen fehlt, eine Größe von Bestand, sie erlaubt den Begriff „Mensch“ weiter auszuspannen und schöner zu erfüllen“ (S.36). Geschichte erscheint als Höhenzug, wo die „großen Momente im Kampfe der einzelnen“ (S.36) sich zu einer Kette des Erhabenen verbinden. Die Gefahr dieses Geschichtsbildes liegt dabei in der Verklärung, denn Geschichte ist hier nachahmenswürdig und vor allem aber auch zum „zweiten Male möglich“ (S.37).

 

(2) Als die zweite Art Geschichte zu betrachten gilt Nietzsche die des Bewahrenden und

Verehrenden, der auf eine antiquarische Historie blickt. In „Treue und Liebe“ (S.39) blickt er zurück woher er kommt, „worin er geworden ist“ (S.39). Dabei verinnerlicht er die Geschichte, sodass sie schließlich seine wird. Er findet sich selbst in ihr wieder, grüßt „die Seele seine Volkes als seine eigne Seele“ (S.40) und überwindet so selbst Jahrhunderte, entwirrt Palimpseste spielend leicht. Wertvoll ist diese Art der Geschichtsbetrachtung vor allem für die Menschen in bescheidenen Verhältnissen, gibt er ihnen doch die Geschichten, die sie an ihre „Heimat und Heimatsitte“ binden (S.41). Die Gefahr liegt hierbei in einer Verengung des Blickes einerseits, denn: „Das Allermeiste nimmt er gar nicht wahr, und das Wenige, was er sieht, sieht er viel zu nahe und isoliert.“ (S.41). Sowie in einer Geschichtsbetrachtung als Selbstzweck: Sie endet in „einer blinden Sammelwut, eines rastlosen Zusammenscharrens alles einmal dagewesenen. Der Mensch hüllt sich in Moderduft“ (S.41). So bewahrt die antiquarische Historie das Leben, kann aber keines zeugen und unterschätzt immer das Werdende.

 

  • Die kritische Historie hingegen ist die Betrachtungsweise des Leidenden und der Befreiung

Bedürftigen. (vgl. S.35) Sie ist nötig, die Wucherungen der monumentalischen und historischen Historie zu beschränken, um Platz für das Leben zu schaffen. Denn sie hat die Kraft „von Zeit zu Zeit (…) eine Vergangenheit zu zerbrechen und aufzulösen, um leben zu können.“ (S.42) Die kritische Betrachtungsweise zieht Geschichte vor Gericht, verurteilt sie, ob gerecht oder ungerecht.

 

Nietzsche plädiert für eine Betrachtungsweise der Historie, die dem Leben dient. Dabei geht es immer um ein Balance, zwischen historischem Bewusstsein, nicht zuletzt als Bewusstsein um persönliche, kulturelle oder theoretische Verstrickungen und Befangenheiten auf der einen, und der Fähigkeit des Vergessens, Zerschlagens und Neubeginnens auf der anderen Seite. Innerhalb dieser Pole bewegt sich der Nutzen der Historie.

 

 

Welche Gefahren hebt Nietzsche hier besonders hervor?

„Jede der drei Arten von Historie, die es gibt, ist nur gerade auf einem Boden und unter einem Klima in ihrem Rechte: auf jedem anderen wächst sie zum verwüstenden Unkraut heran.“ (S.39) Jede Art der Geschichtsbetrachtung braucht ein ihr eigenes Fundament. Nur was ist dieses Fundament? Eine Balance zur Gegenwart, also eine Dosierung die das Leben der Gegenwart, das Neutun, nicht erstickt, sondern bestenfalls belebt? Oder geht es Nietzsche hier um das eigene Fundament, das erkennbar bleibt und somit auch eine Unterscheidung zwischen den drei Arten der Historie möglich macht? Geht es also um das Bewusstsein, dass jede Art der Historie eine Art und nicht die Art ist, und das man Geschichte auch mit diesem Bewusstsein zu betrachten hat?

Oder geht es hier vor allem um die Balance der drei Arten der Historie untereinander? Um ein sich gegenseitiges Ergänzen und Aufheben?

 

Verlassen wir an dieser Stelle wieder das Nietzsche-Archiv, gehen über die kiesbedeckten Toreinfahrt zur Straße und blicken hinab auf Weimar. Was lässt sich nun sagen, über diese Stadt und die Geschichtsdarstellung, die wir hier vorfinden? Wir greifen uns drei Komplexe aus der Geschichte heraus: Goethe und Schiller, Bauhaus und Nationalsozialismus.

 

  1. Goethe und Schiller

 

Weimar bezeichnet sich nicht einfach als Weimar, sondern als „Kulturstadt Weimar“. Wer in Deutschland von Kultur spricht kommt an einigen prägenden Protagonisten nicht vorbei. Und schon gar nicht an Goethe und Schiller, den beiden herausragenden Figuren der „Weimarer Klassik“.

Ein Besuch auf der Website des Stadtmarketings[1] eröffnet augenblicklich eine schwindelerregende Spannbreite der Darstellung: Oben ein Banner, im Hintergrund das Deutsche Nationaltheater, davor glänzend poliert und vor Theater und blauem Himmel posierend Goethe und Schiller als Denkmal. In Bronze gegossen, überlebensgroß und auf einem hohen Sockel. Und dabei gleich groß, obwohl Schiller gut einen Kopf größer als der nicht gerade groß gewachsene Goethe war.

Direkt unter diesem klassischen Bild von hochkultureller Heldenverehrung befindet sich eine gelblich-grünliche Illustration. Dargestellt sind die Gesichter Goethes und Schillers, offenkundig in Anlehnung an die Darstellung des Denkmals, allerdings diesmal Pop-Art-mäßig karikiert, mit grauflächigen Schattenwürfen und zwei knallgrünen Sonnenbrillen. Daneben der Werbetext für den Weimarer Sommer: „Bis in den September hinein suchen Künstler, Publikum und Flaneure das Freie und finden in Weimar eine lässige Eleganz, wie sie nur europäische Kulturstädte ausstrahlen. Seien Sie dabei!“

Das 1857 eingeweihte Denkmal auf dem Theaterplatz spricht auf den ersten Blick die Sprache monumentalischer Historie. Die schiere Übergröße macht die beiden Dichter zu Helden. Überragend, wie der Höhenzug, der die Größe des Einzelnen zu einer Kette der Großtaten verbindet, die sich durch die Geschichte ziehen, dominieren sie den Theaterplatz. Gleich hoch, denn wie im Gebirge, hängen Größe und Höhe zusammen, und über die Größe der jeweiligen Dichter, will der Bildhauer Ernst Rietschel nicht urteilen. Vielmehr sind sie Eins, ein Bergmassiv mit doppeltem Gipfel. Vereint in ihren Insignien: Im Hintergrund eine (deutsche) Eiche, wenn auch nur als Baumstupf, eine Schriftrolle in Schillers Hand, als Zeichen für die Wortgewalt. Und in Goethes Hand ein Lorbeerkranz. Fast scheint es, als greife Schiller danach, oder übergibt Goethe ihn dem jüngeren Helden? Der Lorbeerkranz ist zum einen ein Symbol der Antike, in der er zunächst bei den Griechen für Reinheit und Vollkommenheit stand, später bei den Römern vor allem für einen großen Sieg. Und gerade diese Bedeutung von Kampf und Sieg ist für Nietzsche ein wichtiges Merkmal der monumentalischen Historie.

Nun ist das Denkmal in seinem historischen Kontext zu sehen. Es repräsentiert vor allem die Rezeption und symbolhafte Aufladung Goethes und Schillers in der Mitte des 19. Jahrhunderts. „Dem Dichterpaar GOETHE und SCHILLER Das Vaterland“ steht auf dem Sockel. Hier fließen offensichtlich Kulturrezeption und vaterländische Bewegungen ineinander. Goethe und Schiller werden als Teil eines geistig-kulturellen Überlegenheitsdiskurses ins Felde geführt. Das ist monumentalisch, und nicht etwa antiquarisch, denn es geht hier nicht um das Bewahren, es geht um eine Verknüpfung von vergangener und zukünftiger Glorie.

Ganz anders das moderne Bildnis in Pop-Art-Farben. Die Stadt bewirbt den Sommer in Weimar. Für Weimar stehen symbolisch Goethe und Schiller, für den Sommer die Sonnenbrille. Die Kombination ist wohl Ergebnis eines völlig entkrampften Symbolismus in den Fabriketagen hipper Werbeagenturen. Das wilde Verrühren verschiedener Zitate, hier also Goethe, Schiller, Pop-Art, Comic, Rayban, vielleicht sogar ein bisschen Techno? erzeugt ein neues Zeichen: Wir sind lässig. Diese Lässigkeit ist als Kernbotschaft das Pendant zur vaterländischen Glorie der 1850er. Wo 1857 der große Sieg das Leitmotiv der vaterländischen Marketingabteilung war – quasi das große Narrativ – steht 2014 die Lässigkeit mit ihrem achselzuckenden „anything goes“. Natürlich geht es nicht mehr um die nationale Einheit oder einen Sieg gegen die europäischen Nachbarn und Erbfeinde, neben den weiterentwickelten Metaphern und Mash-up-Strategien haben sich auch die Ziele des großen Kampfes verschoben: Gewonnen und verloren wird heute im Kampf um ein verkaufsträchtiges Image, es geht um Touristen, Gewerbeeinnahmen und Fördergelder.

Aber wie lässt sich das 2014er Goethe und Schiller-Bildnis nun in Nietzsches monumentalistische, antiquarische und kritische Geschichtsbetrachtungen einordnen? Das Monumentalische wird gebrochen, ja gerade das ist ein Kern der Darstellung. Hier wird nicht das Alte, Große und Ehrwürdige dargestellt, damit sich der zeitgenössische Tätige und Strebende daran heraufziehen kann, zum Trost und zur Ermutigung. Das Monumentalische ist vor allem dann von Nutzen, wenn das Gegenwärtige nichts vergleichbar Großes bietet, und so wird eine historische Kontinuität von Größe beschworen, in dessen Reihe man sich stellen kann: Eine Strategie die mühelos die Jahrhunderte überwindet, aber eben in der Rückschau, mit Blick auf die Vergangenheit. Hier passiert eher das Gegenteil, denn Goethe und Schiller werden in die Gegenwart katapultiert. Sie werden dargestellt als zeitgenössische Bohemians, junggeblieben, zwei coole Säue. Das ist nun wie eine Antithese zum Monumentalischen: Wird dort die profane Gegenwart durch Vergangenheits-beschwörung unterfüttert, wird hier die Vergangenheit durch Gegenwartstechniken aufgefrischt. Die Botschaft lautet nicht: Wir sind gut, weil wir groß und alt sind; sondern: Wir sind gut, weil wir groß und immer noch jung sind. Die antiquarische Historie legt den Fokus auf das Bewahren, allerdings im Sinne einer dokumentarischen Treue. Zwar bewahrt die Darstellung des hippen Goethe und Schiller auch, aber ganz anders: Hier versucht man nicht zu bewahren, indem man etwas Historisches innerhalb seines historischen Kontextes erhält und so versucht es dem Verschwinden im Laufe der Jahrhunderte zu entreißen, sondern indem man es aktualisiert. Goethe und Schiller werden hier nicht ins Archiv gestellt, sondern in den Club und sollen dadurch interessant bleiben. Vielleicht findet sich hier ein Moment, der Entwurzelung statt, von dem Nietzsche schreibt: „Jede der drei Arten von Historie, die es gibt, ist nur gerade auf einem Boden und unter einem Klima in ihrem Rechte: auf jedem anderen wächst sie zum verwüstenden Unkraut heran.“ (S.41) Auch wenn in der hippen Pose noch mehr der antiquarischen Geschichtsbetrachtung aufscheint: Das Folkloristische, das den für Nietzsche großen Nutzen hat, dass es „seßhaft macht“ (S.41), weil es bekannt ist und dadurch ein Kapitel in der großen Erzählung von „Heimat und Heimatsitte“ (S.41). Der wilde Mix bekannter Zeichen und Metaphern in der Darstellung von 2014 beinhaltet eben nichts Unbekanntes. Geradezu im Gegenteil: Ein Zeichenrisotto dieser Art funktioniert nur dann, wenn es nur Bekanntes verkocht. Jede unbekannte Zutat stiftet Verwirrung und macht das neu entstehende Zeichen beliebig. Denn die eigentliche Botschaft entsteht nicht in der Interpretation der einzelnen Zitate und ihrer Verbindung, sondern in der Verwegenheit ihrer zwanglos-bruchstückhaften Kombination. Die eigentliche Botschaft sind nicht die Verweise hinter den Zitaten, sondern die Art des Zitierens. Und das lässt sich nur erkennen, wenn man die Zeichen deuten kann, weswegen es stets die Populären sind. Ausgelöst wird so beim Betrachter nicht ein Nicht-Erkennen, sondern ein Erkennen vom vielem verschiedenen. Da ist dann schon für jeden was dabei, eine kleine Heimat. Und Goethe und Schiller sind dann auch nicht mehr so fremd. Sie stehen nicht mehr auf dem Sockel, was allerdings nicht bedeutet, dass man ihnen nun endlich in die Augen sehen kann: Nein, nun tragen sie Sonnenbrillen.

Auch die kritische Historie gibt die ein oder andere Interpretationsvorlage des Rezeptionsfeldes, ohne so recht zu passen. Wird hier Geschichte zerschlagen? Ja, denn sie wird de-kontextualisiert. Und Nein: Denn das geschieht nur, um sie augenblicklich wieder zu re-kontextualisieren. Dieser Bewegung geht es nicht um ein vor-Gericht-ziehen der Geschichte, um ein gnadenloses Verurteilen um Platz für Neues zu schaffen (S.42). Denn es geht nicht um Neues, es geht um das DJ-hafte Spiel des Ineinanderfügens gefundener Puzzleteile aus dem Haufen der Geschichte. Es geht nicht um ein Bewusstwerden historischer Kontexte, um sie zu überwinden und die Ketten zu sprengen, es geht um ein fröhliches Verknoten dieser Ketten.

Aus allen Arten der Historie lassen sich Elemente in diesem kleinen Ausschnitt des Weimarer Goethe-Schiller-Komplexes finden. Spricht das für eine Balance? Dafür, dass alle Arten sich gegenseitig austarieren, und wir es mit einem fruchtbaren Geschichtsverständnis zu tun haben? Oder betrachten wir hier einen Umgang mit Geschichte, den Nietzsche noch nicht kennen konnte? Eine Art postmoderner Geschichtsbetrachtung, eine semantische Historie?

 

  1. Bauhaus

 

Und nun auch noch das Bauhaus. Ein weiterer kultureller Tanker, der von Weimar aus in die Welt hinaus schipperte. Weimar war Ausgangsort für die Gründung einer der bedeutendsten Kunsthochschulen und somit Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts. Das Bauhaus wurde ein Jahr nach Beendigung des ersten Weltkrieges in Weimar gegründet und musste bereits im Jahre 1925 auf Druck der thüringischen Regierung die Stadt verlassen. Diese andere, neue, unverständliche Kunst hatte wohl im bürgerlichen Weimar des frühen 20. Jahrhunderts keinen Platz. Das Bauhaus verband die bildenden, angewandten und darstellenden Künste auf eine Art und Weise, die bis heute charakteristisch für moderne und avantgardistische Kunst, Architektur und Design ist.

Das gegenwärtige Weimar will diese bedeutsame Geschichte nun bewahren. Nur wenige Meter neben dem Goethe-Schiller-Denkmal und dem Deutschen Nationaltheater, wird im Bauhaus Museum die Geschichte der Kunsthochschule aufgearbeitet und Exponate aus der Schaffensphase des Bauhauses präsentiert. Das derzeitige Ausstellungsgebäude, eine ehemalige Wagenremise aus dem frühen 19. Jahrhundert, in dem das Museum seit Mitte der 1990er Jahre ansässig ist, konterkariert die Bauhauskunst. Die Bauhauskunst inmitten eines historischen Ensembles im historischen Stadtkern von Weimar wirkt unpassend. In einigen Jahren soll das neue, maßgeschneiderte Bauhausmuseum in Nachbarschaft zum ehemaligen Gauforum entstehen. Ein weiteres Relikt der frühen Bauhauskunst ist das Musterhaus Am Horn, welches zur Bauhaus-Ausstellung im Jahre 1923 errichtet wurde und circa 200 Meter südlich von Goethes Gartenhaus gelegen ist. Einst Privatwohnhaus, wird es heute als Museum genutzt. Das für Stadt und Stadtbewohner Weimars wohl bedeutendste Erinnerungsstück an die Bauhauskultur ist die Bauhaus-Universität Weimar. Nachdem die Namensgebung der Hochschule für über 80 Jahre keinen Bauhausbezug aufwies, erhielt die Hochschule für Bauwesen und Architektur im Jahre 1996 ihren heutigen Titel Bauhaus-Universität Weimar. Die Geschichte des Bauhauses ist somit in starkem Maße mit der Geschichte der Stadt Weimar verbunden.

Der Nutzen der Geschichte für die Stadt Weimar aus der Bauhauskultur ergibt sich auf vielerlei Ebenen. So ist die Bauhauskultur identitätsstiftend für die heutige Bauhaus-Universität Weimar, für deren Mitarbeiter und Studenten. Als solches versuchen sie den „Tätigen“ und „Strebenden“ (S. 35), wie beispielsweise Walter Gropius, dem Begründer des Bauhauses, nachzueifern, das bereits einmal geschaffte Große, Monumentale erneut zu schaffen. Es gibt den Mitarbeitern und Studenten Mut und nimmt den Zweifel in Stunden, in denen der Wille schwächer ist. „Dass die großen Momente im Kampfe des Einzelnen eine Kette bilden, dass in ihnen ein Höhenzug der Menschheit durch Jahrtausende hin sich verbinde, dass für mich das Höchste eines solchen längst vergangenen Momentes noch lebendig, hell und gross sei – das ist der Grundgedanke im Glauben an die Humanität, der sich in der Forderung einer monumentalischen Geschichte ausspricht.“ (S. 36) Das Große soll also weiterleben und überdauern. Diese heutige Deutung des Bauhauses erscheint deshalb interessant, da die ursprüngliche Intention der Bauhauskünstler vermutlich eine andere war. Sie verfolgten eine Kunstrichtung, die sich gegen etablierte Formen, Farben und Architekturen richtete. Sie war gegen das traditionelle, oft monumentale Verständnis von Kunst, welches sich z.B. an antiker Baukunst orientierte. Als solches war die Bauhauskunst zu Zeiten ihrer Gründung und Hochphase einer kritischen Geschichtsperspektive verschrieben. Dass der Bauhauskunst heute oft eine monumentale Historie und Bedeutung zugeschrieben wird, macht die Gegensätzlichkeit und Ambivalenz der historischen Entwicklung deutlich. Scheint das Bauhaus doch aus einer gegen das Establisment gerichteten Bewegung entstanden zu sein, ist sie heute das Estbalishment selbst oder zumindest eine maßgebliche Größe unserer Zeit, die häufig für zeitlose, schnörkelose und somit unkritische Kunst und Architektur steht.

Für Nietzsche ist die Form monumentalischer Geschichtswahrnehmung auch der „(…) Glaube an die Zusammengehörigkeit und Continuität des Grossen aller Zeiten, es ist ein Protest gegen den Wechsel der Geschlechter und der Vergänglichkeit.“[2] Ähnlich verhält sich die Reproduktion der gegenwärtigen Bauhauskultur als antiquarische Historie. Die Geschichte des Bauhauses gehöre in dieser Deutungsweise zur Geschichte der Stadt Weimar: „Indem er das von Alters her Bestehende mit behutsamer Hand pflegt, will er die Bedingungen, unter denen er entstanden ist, für solche bewahren, welche nach ihm entstehen sollen – und so dient er dem Leben.“ (S.28)

Der Blick der Gegenwart auf die monumental-antiquarische Bauhausgeschichte birgt jedoch auch Gefahren. So könne „(…) etwas verschoben, ins Schöne umgedeutet und damit der freien Erdichtung angenähert zu werden; (…)“ (S.37), diese Idealisierung von Geschichte kann für Nietzsche unter Umständen so weit gehen, dass zwischen einer monumentalischen Vergangenheit und einer mythischen Fiktion kaum noch unterschieden werden könne. Die Gefahr der Umdeutung des Bauhauses als mythische Fiktion scheint in Weimar nicht zu bestehen. Viel mehr prägen und formen die rund 4.000 Studenten der Bauhaus-Universität das Stadtbild in dem sie dem historisierenden Weimar eine Zeitgenössigkeit verleihen. Zwar hält diese zeitgenössiche Lebenskultur selten länger als die Dauer eines Bachelor- oder Masterstudiums, doch sie erscheint nötig, da ohne sie die Gefahr bestünde, dass die antiquarische Geschichtsproduktion, die häufig keinen Platz für zeitgenössiche Lebenskultur bietet, in der Stadt Weimar eine einseitige Ausprägung finden könnte.

 

  1. Nationalsozialismus

 

In Weimar sind die Rückstände des Nationalsozialismus allgegenwärtig. Bereits am Hauptbahnhof lassen sich erste Spuren der nationalsozialistischen Stadtgeschichte ausmachen. Von diesem Ort aus mussten unzählige Opfer ihren Weg in das Konzentrationslager Buchenwald antreten. Das ehemalige Konzentrationslager und die heutige Gedenkstätte Buchenwald liegen nur wenige Kilometer nordwestlich des Stadtkerns von Weimar. Die auf dem Ettersberg gelegene Gedenkstätte scheint trotz ihrer geografischen Nähe, mit Weimar selbst wenig in Verbindung gebracht zu werden. Buchenwald und Weimar, so scheint es, sind häufig zwei getrennte Geschichten. Doch die circa 15 Kilometer lange, eingleisige Bahnstrecke wurde während des zweiten Weltkrieges eröffnet und verbindet Weimar und Buchenwald auch heute, wenn nicht physisch, über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus, miteinander. Auf dem Weg vom Hauptbahnhof in Richtung Innenstadt passiert man entlang des Weimarplatzes das frühere Gauforum und die Halle der Volksgemeinschaft. Heute ist das ehemalige Gauforum Sitz des Thüringischen Landesverwaltungs-amts. Die Halle der Volksgemeinschaft wurde umgebaut und wird nun als Einkaufszentrum genutzt. Wie verhält sich eine Stadt zu ihrer Historie, in der neben aller kultureller Größe und Bedeutsamkeit die nationalsozialistische Katastrophe so nahe ist? Wie bringt man die „Kulturstadt Weimar“ mit der nationalsozialistischen Stadthistorie zusammen? Eine mögliche Interpretation mag Nietzsche und seine Auffassung von der kritischen Art der Historie geben: „Mitunter aber verlangt eben dasselbe Leben, das die Vergessenheit braucht, die zeitweilige Vernichtung dieser Vergessenheit; dann soll es eben klar werden, wie ungerecht die Existenz irgend eines Dinges, eines Privilegiums, einer Kaste, einer Dynastie zum Beispiel ist, wie sehr dieses Ding den Untergang verdient. Dann wird seine Vergangenheit kritisch betrachtet, dann greift man mit dem Messer an seine Wurzeln, dann schreitet man grausam über alle Pietäten hinweg.“[3] Doch ist es wahr, dass die nationalsozialistische Geschichte von Weimar einfach dem historischen Messer zum Opfer gefallen ist? Nein, denn das Stadtbild ist wie oben beschrieben augenscheinlich von nationalsozialitischen Rückständen geprägt. Sie werden eben nur anders inszeniert, umgenutzt und nicht so offensiv thematisiert wie andere historische Momente. Natürlich birgt dieser Prozess Gefahren. Für Nietzsche ist ein solcher Prozess, in dem Vergangenheit gerichtet und vernichtet wird, ein für das Leben selbst gefährlicher Prozess. So betont er, dass „(…) da wir nun einmal Resultate früherer Geschlechter sind, sind wir auch die Resultate ihrer Verirrungen, Leidenschaften und Irrtümer, ja Verbrechen; es ist nicht möglich sich ganz von dieser Kette zu lösen.“ (S. 43) Diese Verantwortung ist der Stadt Weimar sicher bewusst. Trotzdem scheint neben der Verarbeitung aller kulturellen Höhen der Stadtgeschichte, eine Verarbeitung der historischen Niederungen der Stadt manchmal zu kurz zu kommen. Dieser Eindruck entsteht gerade dann, wenn man hinter einer Zimmertür des ehemaligen Gauforums eine Ausstellung zum Nationalsozialismus in Weimar entdeckt, in der es weder Museumspersonal gibt, welches einen begrüßt, Fragen beantwortet oder das Licht einschaltet. Wenn man eine Erklärung für diese kritische Geschichtsdeutung bei Nietzsche sucht, so stößt man unter anderem auf den Verweis: „Es ist nicht die Gerechtigkeit, die hier zu Gericht sitzt; es ist noch weniger die Gnade, die hier Urteil verkündet: sondern das Leben allein, jene dunkle, treibende, unersättlich sich selbst begehrende Macht.“ (S.42) So solle auch die kritische Historie, wie die beiden anderen Arten der Historie, im Dienste des Lebens stehen.

Die nationalsozialistischen Verbrechen ereigneten sich circa dreißig Jahre nach dem Tod Nietzsches. Womöglich hätte Nietzsche anders über eine kritische Art der Historie geschrieben, wenn ihm die nationalsozialistischen Verbrechen bekannt gewesen wären. Denn es gibt gewiss Ereignisse, die niemals dem Messer der kritischen Historie zum Opfer fallen dürfen, auch wenn sie das gegenwärtige Leben noch so schwerlich zu ertragen machen; auch wenn die kritische Historie dem Leidenden und der Befreiung des Bedürftigen diene solle. (S. 35)

Letztlich fielen Nietzsches Schriften und Gedanken den Nationalsozialisten selbst zum Opfer. Sie missbrauchten sie für ihre Zwecke, errichtet dem Philosophen neben seinem Sterbebett in der Weimarer Humboldtstraße sogar eine Gedenkhalle. Sie missbrauchten sein Werk für ihre monumentalischen und antiquarischen Geschichtsbilder. Auch Nietzsche wusste, dass der Missbrauch Teil des Nutzen und Nachteils der Historie für das Leben sein kann.

 

  1. Schlussbemerkung

 

Die Exkursion nach Weimar hinterließ ein Bild von einer Stadt, welches im ersten Moment überhistorisch erschien. Selten findet man eine Stadt vor, die auf einem so engen Raum eine solche historische Vielfalt darbietet: Weimarer Klassik, Bauhaus, Weimarer Republik, Nationalsozial-ismus und die Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik prägen das Leben der Gegenwart, indem sie Anziehungspunkt für Touristen, Einnahmequelle für Stadt und Gewerbe-treibende, Identifikationsmerkmal, aber auch Reibungspunkt und Inklusions- und Exklusions-moment für die Stadtbewohner sind. Auch wenn sich die überhistorische Wahrnehmung selbst nicht auflösen lässt, so half die Analyse der historischen Dimension mit Hilfe Nietzsches dabei, sich dem Weimarer Palimpsest zu nähern und besonders gegenwärtige Prozesse in der Stadt besser verstehen zu können.

 

 

 

 

 

 

Quellen:

Alle nicht mit Fußnoten gekennzeichneten Zitate (Seitenzahlen in Klammern) entstammen:

Nietzsche, Friedrich: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Salzburg 1980.

[1] www.weimar.de, abgerufen am 16. August, 12:43.

[2] Nietzsche, Friedrich: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Dietzingen 2009, S.22.

[3] Nietzsche, Friedrich: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Dietzingen 2009, S.34.

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Schutz- und Trutzstadt deutscher Kultur

„Die Lehrer fragen die Schüler, welcher Unterschied wohl zwischen Pompeji und Weimar bestehe? Sie erhalten dabei die Antwort: Pompeji wurde im Jahr 79 zerstört, Weimar wurde im Jahre 1937 vom Reichsstatthalter Sauckel zerstört!“ (Berliner Tagesblatt 19.10.1937)

Bauen war als „Wort aus Stein“ ein wesentlicher Bestandteil nationalsozialistischer Politik und Propaganda. So auch in Weimar, der Stadt, die für die Nationalsozialisten eine besondere Bedeutung hatte. Von 1936/37 strebte der Reichsstatthalter und Gauleiter Fritz Sauckel, einer der einer der hitlertreuesten und aktivsten NSDAP-Parteigenossen eine bauliche Umgestaltung des historischen Weimar an.

Der Plan der Nationalsozialisten sah es vor, die Geschichte der verhassten Weimarer Republik zu überschreiben, ja regelrecht auszuradieren. Stattdessen sollte die Stadt zum erfolgreichen Kampfort gegen die Demokratie stilisiert werden und nachhaltig nationalsozialistisch besetzt werden. Und Baumaßnahmen schienen dabei das Mittel zur Wahl.

So sollten symbolträchtige Einrichtungen und Gebäude der Weimarer Republik, wie etwa der Regierungssitz, mit neuer nationalsozialistischer Bedeutung versehen werden, durch den Einzug nationalsozialistischer Ministerien und durch die architektonische Umgestaltung.

„Die örtlichen Neubauprojekte standen im engen Zusammenhang mit den neuen erweiterten Funktionen, die der Stadt Weimar von den Nationalsozialisten zugedacht waren. Die Quantität der Baulichkeiten steht in direktem Verhältnis zum Umfang und zum Stellenwert, der den Funktionen Weimars als Kultur- und Gauhauptstadt beigemessen wurde. Ihre architektonische und städtebauliche Durchbildung demonstriert zudem das Selbstverständnis des jeweiligen Bauherrn und Nutzer innerhalb des Dritten Reiches“, schreibt die Historikerin Karina Loos.

Die Spuren dieser radikalen Umgestaltung sind heute noch in der Stadt zu finden. Bei einer Führung mit der Mitarbeiterin der Gedenkstätte Buchenwald, Annette Schmitz, erforschten wir diese Orte und versuchten ihre Bedeutung als Erinnerungsorte zu verstehen. Nicht alle sind bei gleichermaßen offen und kritisch mit ihrer Vergangenheit.

Das Gauforum

Gauforen sollten Zentren der Nationalsozialistischen Städte sein und dabei Verwaltungsbau und öffentlicher Ort zugleich sein. Sie wurden so zum Hauptelement der ab 1937 einsetzenden, nationalsozialistischen Neugestaltungsplanungen für zentrale deutsche Städte. Das Gauforum in Weimar sollte beispielsweise der Verwaltungssitz des BDM beherbergen.

Für das Prestigeprojekt der Nationalsozialisten in Weimar, das Gauforum der gesamte Teil des historischen Viertels der Jakobvorstadt abgerissen und der kleine Fluss Asbach umgeleitet werden. 150 Häuser mit 445 Wohnungen, 52 Läden und 27 Werkstätten fielen der gigantischen Baumaßnahme zum Opfer. Am 1. Mai 1937 erfolgte durch Rudolf Heß die Grundsteinlegung der „Halle der Volksgemeinschaft“ und die Umbenennung des Platzes in „Platz Adolf Hitlers“. An der sorgfältig inszenierten Massenveranstaltung nahmen 40.000 Menschen teil.

Das Gauforum in Weimar ist das einzige beinahe fertig gebaute in Deutschland und sollte als Prototyp die Gestaltung weiterer Foren in anderen Gauhauptstädten prägen.

Die massive Anlage zeigt deutlich den Führungsanspruch der NSDAP, klein sollten die Bürgerhäuser der Stadt Weimar daneben wirken. Hitler persönlich ergänzte den Entwurf um die „Halle der Volksgemeinschaft“ mit 20.000 Stehplätzen und einen Glockenturm, der das höchste Gebäude Weimars werden sollte. Bis 1943 waren alle Gebäude mit Ausnahme der Halle fertiggestellt, bei den Bauarbeiten wurden auch Häftlinge des KZ Buchenwald eingesetzt.

Gauforum

Die Pläne des Architekten Hermann Gieslers bezogen sich auch auf die unmittelbare Umgebung des Gauforums. Im völkischen Heimatschutzstil wurde die vorläufig „X Straße“ benannte neue Straßenführung angelegt, die heutige Ferdinand-Freiligrath- Straße. Sie diente auch als Ersatzwohnungsbau für die ca. 1.650 Bewohner der Jakobsvorstadt, die vom Abriss betroffen waren.

Das Gauforum blieb bis Kriegsende leer, am 1. Mai 1945 wurde der Platz in Karl-Marx-Platz umbenannt. Das „Nicht-Verhältnis“ der Weimarer Bevölkerung prägte auch die Nachkriegsgeschichte des Gauforums in der DDR, erst ab 1999, dem Jahr, in dem Weimar europäische Kulturhauptstadt war, begann man sich mit der Geschichte des Baus auseinander zu setzen.

Die Stadt beschloss, in die geplante „Halle des Volkes“ ein Einkaufszentrum einziehen zu lassen – Das „Weimar-Forum“ eröffnete 2005. Die Halle des Volkes war jedoch nicht Bestandteil des ursprünglichen Gauforums, sondern ein separater Bau, der an das Gebäude angrenzt. Im eigentlichen Gauforum befindet sich derzeit eine Ausstellung, die den Bau thematisiert.

Obwohl die Stadt Weimar in der Fachpresse viel Kritik für die Entscheidung erntete, die einstige „Halle des Volkes“ zur „Halle des Konsums“ umzufunktionieren, wurde die Problematik einer Umnutzung bei diesem Gebäude von der Weimarer Öffentlichkeit kaum thematisiert, so Annette Schmitz, Mitarbeiterin der Gedenkstätte Buchenwald, die Führungen zur Geschichte der Stadt im Nationalsozialismus leitet.

Der Bahnhofsplatz

Der Bahnhofsplatz diente bis 1939 als zentraler Sammelort für diejenigen, die in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert werden sollten. Dabei wurden im November 1938 fast 10.000 Juden aus ganz Thüringen, Breslau, Dresden, Frankfurt, Bielefeld,  Aachen nach Weimar gebracht und vor den Augen der Öffentlichkeit auf dem Bahnhofsplatz von SS-Leuten zusammengetrieben und anschließend unter Schlägen in Lastwagen verladen, die sie ins Lager auf dem Ettersberg brachten.

Bis 1939 fungierte der Hauptbahnhof als Hauptumschlagspunkt für Häftlinge des KZ Buchenwald, zuletzt für große Transporte aus Polen im Oktober 1939. In der Folgezeit wurde der Güterbahnhof genutzt.

Der Bahnhofsplatz ist auch heute nach wie vor kontroverser Ort in Weimar. Jährlich findet hier im Mai ein großer Neonazi-Aufmarsch statt, parallel zu den Gedenkfeiern zur Befreiung des Konzentrationslagers. Die Gäste der Gedenkfeiern, Überlebende des Lagers, werden im Hotel Kaiserin Augusta, das sich direkt am Platz befindet, untergebracht. Dies erzählte uns eine ehemalige Streetworkerin, die gut mit rechtsradikalen Szene Weimars vertraut ist. Leider thematisiert die Stadt diese Problematik des Ortes nicht – es wäre ein leichtes, die Gäste beispielsweise in einem anderen Hotel unterzubringen. Von den Weimarer Bürgern werden jedoch Gegendemonstrationen und Sitzblockaden veranstaltet, um die Aufmärsche der Neonazis zu verhindern.

Der alte Güterbahnhof

Der Güterbahnhof war bis zum Bau der Buchenwaldbahn im Frühjahr 1943 Ankunftspunkt neuer Häftlinge und Ausgangspunkt der Deportationen. In Weimar selbst erfolgte weiterhin das Umrangieren der Züge. Angrenzend am Güterbahnhof befindet sich die Viehauktionshalle, auch „Hetzerhalle“ genannt. Sie diente 1942 als Zwischenlager und Sammelort der Deportierten.

„Nach Kriegsbeginn im September 1939 kamen die meisten für das KZ Buchenwald bestimmten Häftlingstransporte auf dem Güterbahnhof an. Die Deportierten, die aus dem ganzen besetzten Europa stammten, mussten die letzten acht Kilometer bis zum KZ meist zu Fuß über die Ettersburger Straße zurücklegen. Der französische Widerstandskämpfer Floréal Barrier erinnert sich an „Konvois entkräfteter Menschen, die, ihre Toten zurücklassend und umstellt von SS-Leuten mit Hunden, gezwungen waren, diese ,Blutstraße‘, häufig zu Fuß, zu erklimmen, bevor sie sich hilflos in dieser Umwallung aus elektrisch geladenem Stacheldraht wiederfanden, dieser Hölle“.“ (Quelle: Weimar im Nationalsozialismus, ein Stadtplan)

Der Güterbahnhof ist heute ein großer Parkplatz mit angrenzender Brachfläche. Direkt an der Einfahrt zum Gelände befindet sich eine Gedenktafel, die auf die Geschichte aufmerksam macht. Der Ort geht dennoch unter, befindet er sich doch auch fast schon außerhalb des Stadtkerns von Weimar. Passanten verlaufen sich nur schwer dorthin, es weist auch kein Schild den Weg vom Bahnhof – wer den Ort nicht kennt, sich also schon vorab informiert hat, wird eher nicht zufällig darauf stoßen. Es wird zwar an dem Ort daran erinnert, aber nicht bewusst darauf hingewiesen.

Güterbahnhof
Einfahrt zum Parkplatz neben dem Güterbahnhof. Eine Gedenktafel erinnert an die Geschichte des Ortes.

Angrenzend an den ehemaligen Güterbahnhof steht die ehemalige   Viehauktionshalle, der eigentliche Umladeplatz der Häftlinge. Kaum thematisiert, weist kein Schild auf die Geschichte der inzwischen baufälligen Halle hin – es entsteht eher der Eindruck eines Nicht-Ortes am Rande der Stadt, neben Discountern, Parkplätzen, Brachgrundstücken. Die Rießnerstraße, in die die Ettersburger Straße mündet, markiert außerdem eine Grenze innerhalb Weimars: unterhalb liegt das südliche Weimar, die Innenstadt, zwischen dem Vorzeigeteil südliches Weimar (Touristenstadt, Klassik), oberhalb beginnt der Stadtteil Weimar-Nord, der als sozial schwach gilt.

Die Polizeistation im Marstall – Denkmal „Zermahlene Geschichte“ 

Gestapogefägnis
Installation oder Gedächtnisort? „Zermahlene Geschichte“ von Horst Hoheisel und Andreas Knitz ist halb Mahnmal, halb Kunstwerk.

Am 1. Januar 1934 wurde in Weimar die Gestapo-Leitstelle für Thüringen gegründet. Sie war im Weimarer Polizeipräsidium in der Carl-August-Allee untergebracht, das heute Sitz der Thüringer Landesanstalt für Geologie ist.  Die Gestapo verfasste aktuelle Lageberichte über die politische Stimmung der Bevölkerung und meldete dem Reichsinnenministerium die in Thüringen durchgeführten Festnahmen politischer Gegner.

Polizeistation
Im ehemaligen Polizeipräsidium in der Carl-August-Allee 8 befindet sich heute die Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie

Da die Gestapo sich kontinuierlich vergrößerte, zog sie 1936 in das Marstallgebäude, das in den Zwanzigerjahren als Behördengebäude für das neue Thüringische Ministerium für Volksbildung und als Jusitzministerium diente. Aus Raumnot errichtete man im Hof des Marstalls eine Verwaltungsbaracke, die nach Fertigstellung des Gauforums dorthin umziehen sollte. Im gleichen Jahr wurden im Keller Kegelplatz I Gefängniszellen eingebaut. Eine Aufstockung der Zellen fand 1942 statt. Ähnlich wie die Viehauktionshalle wurde ab 1942 die Reithalle als Sammellager für den Abtransport jüdischer Bürger genutzt.

Neben der Verwaltungsbaracke mit doppelwandig isoliertem Vernehmungszimmer befand sich ein Behelfsgefängnis mit zwölf Zellen in der ehemaligen Remise des Marstalls, der Umbau erfolgte durch KZ-Häftlinge aus Buchenwald.

Durch Festnahme von Verdächtigen Personen in „Schutzhaft“ konnte sie diese ohne Beweis, Anklage und Urteil auf unbestimmte Zeit in ein KZ einweisen lassen. Die Gestapo beaufsichtigte und leitete ab 1942 die Deportationen in die Vernichtungslager.

Die Erinnerungskultur des Gestapo Gefängnisses am Marstall ist durchaus künstlerisch, wenn auch kontrovers. In den noch erhaltenen Gestapo-Gefängniszellen im Keller des Hauptgebäudes wird seit 12. April 1999 eine Dauerausstellung des Staatsarchives zur GESTAPO-Geschichte des Ortes gezeigt, sowie eine Asservatenausstellung mit den vor dem Abbruch sichergestellten Gebäudeteilen, in Folientüten aufbewahrt und von der Decke herabhängend im Raum angeordnet.

Betritt man das Gelände findet man sich vor einer quadratischen Fläche mit den geschredderten Überresten des ehemaligen Gestapogebäudes wieder. Sieht man sich genauer auf dem Platz des Denkmals der Zermahlenen Geschichte um, wird man auf Jahreszahlen, geschrieben an die Häuserwände, aufmerksam. Diese stehen für die Ereignisse die in Verbindung mit dem Platz stehen, auch vor der Zeit des Nationalsozialismus. Dadurch bedingt vermittelt der Ort einen bewussten Umgang mit der Geschichte, reflektiert auf die Gesamtheit, nicht nur auf einzelnen Epochen. Die Offenheit des Raumes, das nicht durch Absperrungen freie Feld des zermahlenen Gestapo-Gebäudes bietet eine andere erlebbare, fast offenere, unmittelbarere Auseinandersetzung mit der Geschichte Weimars im Nationalsozialismus.

Schnipsel der Baracke der ehemaligen Gestapozentrale
Schnipsel der Holzbaracke der ehemaligen Gestapozentrale.

Das Nationaltheater 

1926 führte die NSDAP hier ihren ersten Reichsparteitag nach der Neugründung durch. Viele weitere Parteiveranstaltungen folgten. Besonders das zehnjährige Reichsparteitags-Jubiläum 1936 wurde unter reger Beteiligung der Bevölkerung begangen. Eine von Walter Gropius gestaltete Gedenktafel, die an die Verabschiedung dieser ersten demokratischen Verfassung Deutschlands erinnerte, entfernten SA-Leute im März 1933. Eine Nachbildung der Tafel ist heute links vom Eingang zu sehen. Beim Luftangriff vom 9. Februar 1945 brannte das Gebäude aus.

Das Nationaltheater, gesäumt von Einkaufspassagen und Essensläden, lässt durch nichts an seiner schillernden Fassade an seine Geschichte erinnern. Weder an die Zeit um 1918, in der das Theater zur Inszenierung politischen Selbstinteresses genutzt wurde noch an die zahlreich veranstalteten Parteiversammlungen der Nationalsozialisten seit 1924.

Zwei Jahre später wurde im Theater der erste Reichsparteitag der NSDAP abgehalten. Die Zeit in dem das Programm wie auch das Ensemble erst „judenfrei“ gemacht wurde, später das Theater selbst seinen ursprünglichen Zweck verlor und als Rüstungsfabrik der Firma Siemens und Halske dienen musste, merkt man dem Gebäude nicht an. Wohl auch da es zu Ende des Krieges 1945 bis auf die Fassaden zerstört wurde, wenn gleich es als erstes deutsches Theater nach dem Krieg wieder aufgebaut wurde.Hieran vermag wohl nur die Replik der ursprünglichen von Gropius in Bauhaus-Schrift gestaltete Tafel zu erinnern.

Vill ist dieser Ort zu zentral, zu sehr geprägt vom Dasein Goethes und Schillers in Weimar. Allein die präsente Statue der beiden Dichter, immer präsent auf dem Vorplatz des Theater lässt vill keinen Bezug zu der dunklen Zeit des Weimarer Nationaltheaters zu.

Das Hotel Elephant

1936 wurde das Haus in Regie des Reichstatthalters Fritz Sauckel, durch den Verein Elephant e.V. übernommen. Mit einem Neubau des Hauses, das seit der Klassik durch den Besuch vieler berühmter Künstler und der Erwähnung in Thomas Manns Roman „Lotte in Weimar“ eine historische Einrichtung im Stadtbild Weimars war, verschwand ein Stück Geschichte.

Durch Hermann Gieslers Neubau sollte vor allem die nationalsozialistischen Architekturvorstellungen und der neue Machtanspruch unterstrichen werden. Das volkstümliche Restaurant Elephanten-Keller im Gewölbe des Hauses wurde im altgermanischen Stil gestaltet. Der Balkon zur Marktseite war auch als Rednertribüne vorgesehen, baulich durch Fahnenstangen und das Relief des Reichsadlers hervorgehoben. Zum Garten hin wurde im 1. Stock eine Suite nach den individuellen Wünschen Adolf Hitlers gestaltet, die nicht von anderen Hotelgästen benutzt wurde. Zu Hitlers Geburtstag im Jahr 1938 feierte man Richtfest, zum Gautag im November war das Haus bezugsfertig und Hitler sein erster Gast. Aldolf Hitler bewohnte das Haus im Zeitraum von 1926 bis 1936 insgesamt 26mal. Der Markt wurde bei den Besuchen Adolf Hitlers als Aufmarschplatz genutzt. „Lieber Führer, bitte, bitte, lenk auf den Balkon die Schritte“, skandierte die Weimarer Bevölkerung auf dem Rathausplatz.

Heute erinnert von außen nichts daran, dass dies das Lieblingshotel Hitlers war, das nach seinen Vorstellungen umgebaut wurde. Die Hotelleitung geht heute sehr offen mit der Geschichte des Hauses um, weist auf beispielsweise auf ihrer Internetseite daraufhin.

Das Lager Buchenwald 

Buchenwald hatte als Konzentrationslager nicht nur physisch eine repressive Funktion. Das Lager übte auf die Bewohner der Stadt auch eine indirekte Kontrollfunktion aus, zeigte es doch deutlich die Gewaltherrschaft des NS-Regimes. Zum einen „blickte“ es kontrollierend auf die Stadt herab, zum anderen machte es den Bewohnern Weimars deutlich, welche Strafe drohte, wenn man sich dem Regime entgegenstellte.

Der Historiker Jens Schley spricht von einem „Netz von Beziehungen“, in welche das Lager mit seiner Umgebung eingebettet war, es entwickelten sich eine Vielzahl von sozialen Verbindungen zwischen Lager und Umwelt. Die Lager waren alleine nicht überlebensfähig, waren deshalb auf infrastrukturelle Beziehungen zur Umgebung angewiesen. Es kam zu einem regen wirtschaftlichen Austausch zwischen Weimarer Firmen und dem KZ. So stellte die Weimarer Bauholzfirma Grosch für den Aufbau des Lagers 1937 Lieferwägen bereit und übernahm die Weiterverarbeitung der gefällten Baumstämme, der Bürowarenhändler Lösch schickte Desinfektionsmittel und Packpapier, die Binderei Gundermann lieferte Rohrstöcke und der nach 1933 zum Großhändler aufgestiegenen Weimarer Lebensmittelhändler Thilo Bornschein übernahm zwischen 1939 und 1942 die komplette Versorgung des Lagers komplexes mit Nahrungsmitteln.

Es gab keine „offizielle“ Haltung der Stadt Weimar zum Lager Buchenwald. Es liegen, abgesehen von dem Schreiben der Weimarer NS-Kulturgemeinde, in dem diese gegen die Benennung des Lagers nach dem Ettersberg der ein beliebtes Naherholungsziel war, Einspruch erhebt, und den Berichten des Generalstaatsanwalts Wurmstich über den Unmut der Weimarer Bevölkerung bei Errichtung des Lagers, keine allgemeinen Aussagen der Behörden der Stadt und der in Weimar sitzenden Institutionen des Landes zu Buchenwald vor.

Es gibt auch keine Belege dafür, ob die Errichtung des Lagers von den Behörden der Stadt bis hin zum Oberbürgermeister im Juli 1937 begrüßt oder abgelehnt wurde. Dieses „Nicht-Verhältnis“ prägte auch den Umgang der Weimarer Bevölkerung mit dem Lager, das in der öffentlichen Meinung durchaus thematisiert wurde. Ihre erste Erfahrung im Bezug auf das Lager war, dass es im Sommer 1937 plötzlich existierte. Eine Initiation des gegenseitigen Verhältnisses wie 1933 in Dachau und Oranienburg hat es in Weimar nicht gegeben, auch wenn die Stadt wirtschaftlich vom Lager profitierte.  Doch auch Unternehmen in den benachbarten Städten Jena und Erfurt bereicherten sich durch den Lagerbetrieb. Topf und Söhne, ein Hersteller von Einäscherungsöfen von Krematorien in Erfurt, der in den Zwanzigerjahren Marktführer war, stellte ab 1939 Leichenverbrennungsöfen für die SS her und bestand auch nach Ende des Krieges fort, die Firma Carl Zeiss in Jena beschäftigte Zwangsarbeiter.

Um das Buchenwaldmahnmal von Fritz Cremer am Ende der „Blutstraße“ ranken sich zwei Legenden: Dargestellt wird einmal die Selbstbefreiung der Häftlinge, das Denkmal erinnert augenscheinlich nur an die politischen bzw. kommunistischen Häftlinge des Konzentrationslagers. Die Gruppe zeigt keine wehrlosen Opfer, sondern heroische Sieger. Die zweite Legende handelt von dem Kind am linken Rand. Eine Geschichte eines jüdischen Jungen der von Häftlingen gerettet wird. Bruno Apitz thematisiert genau diese Geschichte in seinem Roman „Nackt unter Wölfen“, der gleichnamige Film erscheint unter Regie von Frank Beyer 1963.

Ein Erinnerungsort in der Stadt Weimar ist der Ernst-Thälmann-Platz, der im Gedenken an die Toten des KZ Buchenwalds 1945 „Platz der 51.000“ genannt, 1958 in „Platz der 56.000“ umbenannt wurde.

Der Denkmalcharakter des Konzentrationslagers Buchenwald muss in seiner Wichtigkeit und Präsens wohl nicht weiter herausgestellt werden. Er ist der dominierende Erinnerungsort um den sich alles dreht. Wie die Führung Weimar im Nationalsozialismus, die nur in Verbindung mit der Führung durch Buchenwald wahrgenommen werden kann. Sichtschneißen auf den Ettersberg wurden von verschieden Punkten im Weimarer Land gelegt, mit einer Erinnerungstafel zur weiteren Erklärung. Buchenwald steht für sich, als Erinnerungsort und auch als Mahnmal.

Literatur
  • Weimar Stadtansichten im Wandel, herrausg. Texte und Textzusammenstellung Rainer Wagner, Thiele & Schwarz Verlagshaus GmbH, Kassel, 1992
  • Gauforen Zentren der Macht, Zur nationalsozialistischen Architektur und Stadtplanung, Christiane Wolf,  Verlag Bauwesen, Huss Median GmbH, Berlin 1999
  • Das Gauforum in Weimar Ein Erbe des Dritten Reiches aus Vergegenständliche Erinnerungen 3, Norbert Korrek, Justus h. Ulbricht, Christiane Wolf, Bauhaus Universität Weimar, Universitätsverlag, 2. Auflage, 2001
  • Zermalenen Geschichte Kunst als Umweg, Horst Hoheisel, Andreas Knitz, Schriften des Thüringischen Hauptstaatsarchivs Nr. 1, , Weimar, 1999

Stadt im Spannungsfeld: Einmal Klassik immer Klassik?

Wer versucht, die unterschiedlichen Phasen der Geschichte Weimars zu begreifen und zu verknüpfen, für den tut sich schnell ein Spannungsfeld auf: Die Klassik mit Goethe, Schiller, Bach und Liszt. Nach dem Ende des ersten Weltkrieges die Gründung der Weimarer Republik im Deutschen Nationaltheater. Dann die Geschichte der Entstehung des Bauhauses mit Henry van de Velde, Walter Gropius, Lyonel Feininger, Paul Klee, und andere. Gefolgt von der NS-Zeit, in der die Menschen in Weimar früher und stärker als die in anderen deutschen Städten das Regime unterstützten: Das Lager Buchenwald und das Gau-Forum sind bauliche Zeugen dessen.

Und heute? Das Ende der Geschichte?

Seit dem Mauerfall mausert sich Weimar zum Tourismusmagneten. Auf die Anzahl der Einwohner gerechnet, gibt es in Weimar mehr Übernachtungen als in Berlin, und sogar knapp drei Mal so viele, wie im benachbarten Erfurt. Dabei steht die Klassik sowohl beim Tourismusmarketing, als auch seitens der Besucher im Vordergrund. Ob die Nachfrage oder das Marketing zuerst da war ist schwer zu bestimmen – sie bedingen sich gegenseitig.

Wie aber geht Weimar mit den verschiedenen Strängen der eigenen Geschichte um, die unterschiedlicher nicht sein könnten?

Es hält sie separat. Die Neue Zürcher Zeitung beschriebt eine Aufspaltung Weimars in das „unbefleckte Weimar“ und das „böse Buchenwald“. Diese Divergenz hat ihren Ursprung in der gesamtdeutschen Katastrophe des NS-Regimes und des Holocausts. Sie hielt sich in der DDR und darüber hinaus bis heute. Aufgespalten ist auch die Darstellung der historischen Phasen, die unabhängig voneinander präsentiert werden.

Im Marketing der Weimar GmbH, die als Tochterfirma der Stadtverwaltung Touristen anlocken soll, spielt vor allem die Klassik eine Rolle. Man wolle sich auch die Kernfaktoren der Marke Weimar fokussieren, sagt Mark Schmidt von der Weimar GmbH. Zwar werde auch die Gedenkstätte Buchenwald und das Bauhaus mitkommuniziert, die Klassik sei jedoch der Grund, wieso die meisten Menschen in Deutschland und Europa Weimar kennen und besuchen. Dies sei höchstens bei Gästen aus Nordamerika anders, für die Bauhaus und die Gedenkstätte auch ein wichtigerer Anziehungsgrund seien.

Sicherlich ist es möglich, sich ausschließlich auf einen Aspekt der Stadtgeschichte zu fokussieren. So machen es unzählige Schülergruppen, die wegen der Gedenkstädte Buchenwald, die nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt auf dem Ettersberg liegt, nach Thüringen kommen. Ihre Busse fahren direkt zur Gedenkstätte und nur einige von ihnen besuchen auch die Stadt Weimar. Ein anderer Umgang mit der Zerrissenheit ist, sie schlichtweg zu ignorieren. Die Bewohner Weimars haben, genau wie jugendliche Schülergruppen, gelernt keine Verbindungen zwischen Klassik, Bauhaus und NS-Vergangenheit zu suchen. Bei Führungen durch diverse Ausstellungen und im Gespräch über die Geschichte wird Weimars Rolle im Nationalsozialismus häufig unbewusst relativiert. In Bezug auf das Bauhaus hören wir häufig Sätze, wie „1926 musste das Bauhaus aus politischen Gründen Weimar verlassen und ging nach Dessau“. Ist aus solchen Aussagen etwa sowas wie Scham herauszuhören für das Verdrängen des Bauhauses in das sozialdemokratische Dessau? Dafür, dass im Thüringer Landtag der rechte „Ordnungsbund“ schon ab 1924 eine Mehrheit hatte?

Auf der Website Weimars heißt es lediglich: „Das Bauhaus, im April 1919 in Weimar eröffnet, ab 1925 in Dessau ansässig, 1933 in Berlin von den Nationalsozialisten geschlossen, ist bis heute der wirkungsvollste und erfolgreichste Exportartikel deutscher Kultur des 20. Jahrhunderts.“ Die Bauhaus Universität findet in ihrer Geschichtsabriss klarere Worte: „Aus politischen Gründen wurde das Bauhaus 1925 aus Weimar vertrieben und setzte danach seine Arbeit in Dessau fort.“

Zerrissen ist Weimar aber auch zwischen Erwartung der Besucher an eine der wichtigsten Kulturstätten Deutschlands und der Wirklichkeit einer Sechzigtausendeinwohnerstadt: Dies zeigt sich am Beispiel des Deutschen Nationaltheaters. Für den Intendanten Hasko Weber, der 2013 vom Staatstheater Stuttgart nach Weimar kam, muss es hart sein: Die Tagestouristen und Wochenendbesucher wollen ausschließlich Klassiker sehen – für moderne Stücke fehlt in Weimar das Publikum. Dieses Jahr versuchte sich das Theater dann auch an einer Verbindung aus Alt und Neu: Um das berühmte Goethe- und Schiller-Denkmal auf dem Theaterplatz wurde eine temporäre Bühne gebaut, auf der eine modern-satirische Inszenierung von Goethes Reineke Fuchs aufgeführt wird. Großes Echo in den Feuilletons erzeugte man damit jedoch nicht.

Auch Mark Schmidt vom Tourismusmarketing klagt: die Punkte, bei denen Weimar in der Bewertung der Besucher unterdurchschnittlich abschneide (z.B. Öffentlicher Nahverkehr und Nachtleben) seien durch zu hohe Erwartungen der Besucher zu erklären.

Es entsteht also der Eindruck, dass im heutigen Weimar heute ganz bewusst das Klassikerbe reproduziert wird anstatt Neues auszuprobieren. Der damalige Zeitgeist wird sich nicht zu eigen gemacht.

Ab ins Historische Archiv zum Tourismus

Zurück in Berlin stellen sich weitere Fragen: Hat Weimar schon immer nur Teile seiner Geschichte beleuchtet? Und falls ja, hat sich die Selbstdarstellung über die stürmischen Phasen der Geschichte, die die Stadt miterlebte, geändert oder gilt: „Einmal Klassik, immer Klassik“? Ich mache mich auf die Suche nach Antworten und begebe mich ins Historische Archiv zum Tourismus an der TU Berlin.

Gleich beim Auspacken des ersten Kartons erfahre ich, dass Thüringen die erste Tourismuskampagne Deutschlands mit einheitlicher Wort- und Bildmarke hatte. Auf einem grünen Herzsymbol wirbt die Region ab 1935/36 für einen Besuch des „grünen Herzen Deutschlands“. Gegenwärtig wird diskutiert, den Slogan, der sich auch auf Prospekten der DDR findet, wieder aufleben zu lassen (Mehr…).

Auf Erfurt-web.de schreibt Dr. Steffen Raßloff:

„Jüngste Tourismus- und Marketingkampagnen versuchen zwar ein moderneres Bild des Freistaates Thüringen zu entwerfen, jedoch sollte man die traditionelle Marke nicht ohne Not aufgeben.“ Mehr…

   

 Abbildungen: Die Bildmarke des Tourismusmarketings von ca. 1938, Ende der 50er und 2014.

Prospekte kamen erst in den späten 20er Jahren auf. Zuvor waren lediglich Verkehrsbücher und Reiseführer verfügbar, die Reisenden in Kutschen und Bahnen bei der Orientierung am Zielort helfen sollten.

Wichtige Infos für Weimar-Besucher aus dem Jahr 1922: Grundriss des Goethe-Hauses.

Bekannt ist der sogenannte Baedeker. Ich finde ein Exemplar von 1922, das detaillierte Informationen bietet. Von Hinweisen zu den Gepäckbestimmungen für Pferde- und Kraftdroschken bis zu den Eintrittspreisen des Nationaltheaters findet sich hier alles Wichtige für Besucher Weimars. Sehenswürdigkeiten im Baedeker sind alphabetisch geordnet – von Donndorf-Museum bis Wittumspalais – und lassen daher keinen Schluss über eine Priorisierung zu. Goethes Wohn- und Gartenhaus, das Goethe-Schiller-Archiv und das Liszt-Museum werden genannt. Besonders Goethes Wohnhaus trägt das Buch Rechnung und widmet ihm eine detaillierte Beschreibung der Zimmer und sogar einen Grundriss.

 

ausschnitt
Nietzsche und Kunstschule – im Baedeker „unter ferner liefen“.

Stellt sich die Frage, was in dem Reisebuch weniger Raum bekommt bzw. ganz ausgelassen wird: Unter ferner Liefen wird auch das Bauhaus erwähnt, das zum damaligen Zeitpunkt noch eine recht neue, aber durchaus wahrgenommene Einrichtung in Weimar war. Der Bauhaus-Gründung 1919 gingen einige Jahre der Kunstgewerbeschule voraus, die von Henry van de Velde bereits 1908 gegründet wurde. Auch das Nietzsche-Archiv wird nur in einem kleinen Absatz erwähnt (siehe Abb. unten).

Der Gründung der Weimarer Republik im Jahr 1918 und der ersten Nationalversammlung im Deutschen Nationaltheater wird kein Hinweis gewidmet.

Deckblatt des deutschen Verkehrsbuches zu Thüringen, das man an Bahnhöfen kaufen konnte.

Neben dem Baedeker finden sich aus der Zeit der Weimarer Republik die Deutschen Reisebücher als historische Quelle zur Darstellung Weimars. Sie wurden deutschlandweit an Bahnhöfen in Automaten verkauft und halfen Reisenden eine Region touristisch zu erschließen. In der Thüringen-Ausgabe (7. Auflage) von etwa 1928 heißt es zu Weimar: „…malerisch an der Ilm gelegen. Alte Residenzstadt, seit 1920 thüringische Landeshauptstadt…“. Nachfolgend finden sich drei Charakterisierungen Weimars: Weimar als Ort der Nationalversammlung zur Gründung der Weimarer Republik, Weimar als die „weltberühmte“ Klassikerstadt sowie Weimar als Kunststadt mit Sitz vieler literarischer Gesellschaften. Es folgt der Hinweis auf die „staatlichen Hochschulen für Baukunst, bildende Künste und Handwerk, Musikschule, Frauenschulen. Ingenieurschule ‚Weimar-Halle‘, große Stadthalle im Bau“. Das Nietzsche Archiv wird als Sehenswürdigkeit in einem Absatz mit dem Schillerhaus und den Goethe-und-Schiller-Archiven prominent genannt. Drei Bilder von Weimar begleiten den etwa dreiseitigen Text: Das Goethe-Schiller-Denkmal am Theaterplatz, Goethes Gartenhaus und das Römisches Haus.

10 Jahre später: Weimar im NS

Prospekt von ca. 1938 mit einheitlicher Bildmarke und Schwerpunkt auf Natur.

Die, im Nationalsozialismus entstandenen Prospekte für die Region, lassen keinen Zweifel am anti-urbanen und naturbezogenen Reiseverständnis der politischen Entscheider. Zwar hat die Gleichschaltung noch nicht so breit funktioniert, dass moderne Typografien und nicht Fraktur verwendet worden wären. Es wurde nun kein Schwerpunkt mehr auf die städtischen Attraktionen gelegt, sondern auf Landschaft und Natur. Das Reisen mit dem eigenen KFZ durch Felder und Wälder, Wandern und andere Sportarten. Unter der Überschrift „Die neue Zeit“ stehen Lob für „den Führer“, den Bau der Reichsautostraßen, die sich in Thüringen kreuzen, und es wird auf die Aktivitäten der Hitlerjugend verwiesen. Eingangs prangt ein Zitat von Goethe: „Wer seine Heimat nicht kennt, hat keinen Maßstab für fremde Länder.“ (Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich das Zitat so heute nicht nachweisen lässt. In dem klassischen Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ schreibt Goethe „Wer sein Vaterland nicht kennt, hat keinen Maßstab für fremde Länder.“). Insgesamt wartet der Prospekt überwiegend mit Bildern von Naturdenkmälern und traditionsreichen Gebäuden in Kleinstädten auf. Lediglich zwei Doppelseiten sind den thüringischen Städten gewidmet. Zu Weimar sind das Schloss sowie Goethes Gartenhaus abgebildet. Städte werden als „Träger kulturgeschichtlicher Erinnerungen“ benannt, die wussten, ihre Eigenarten zu bewahren. Insgesamt zeigt sich ein reaktionäres und antimodernes Städtebild, das als Gegenentwurf zu Stadtdiskursen im frühen 20. Jahrhundert verstanden werden kann.

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Ein englischsprachiger Prospekt für die Reise nach „Thuringia“ (etwa Ende der 1960er).

Die Prospekte der Nachkriegszeit sind zeitlich nicht genau einzuordnen. Mit der Gründung des Deutschen Reisebüros (DER) werden Wegweiser durch Weimar auch auf Englisch produziert. Ab 1964 finden sich außerdem italienische und dänische Prospekte im Archiv.

1958 wurde durch die Regierung der DDR auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers, die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald eröffnet. Ab diesem Zeitpunkt wird sie in allen Prospekten auffällig kommuniziert. Dies geschieht über die Bildauswahl, aber auch in Karten oder durch Fettdruck in der Legende. Auch heute nimmt die Gedenkstätte, als meistbesuchter touristischer Ort Thüringens, eine wichtige Rolle in der Kommunikation ein. Jedoch hat man den Eindruck, dass in den Publikationen des Reisebüros der Deutschen Demokratischen Republik die Klassik gegenüber heutiger Werbung etwas weniger präsent ist.

8 bauhausIm Veranstaltungskalender des Jahres 1979 findet sich eine große Ankündigung einer Ausstellung zum 60. Jubiläum des Bauhauses, die im Titel auch auf das Ende der Schule verweist: „bauhaus 1919 – 1933“. Dabei wird ausgelassen, dass auch nach der Schließung des Staatlichen Bauhauses 1933 in Berlin, seine Ideen und Personen weiterhin wirkten.

Ein Blick in die Karten

Im Kartenausschnitt der Prospekte des Reisebüros der Deutschen Demokratischen Republik sind Pfeile für den Besuch der Gedenkstätte Buchenwald sehr sichtbar. Sie stehen, gleich nach dem Hauptbahnhof, an zweiter Stelle der Legende. Auch auf Bildern der vom „Deutschen Reisebüro“ der DDR herausgegebenen Broschüren sind die Gedenkstätte und das dortige Mahnmal häufiges Motiv. Erst anschließend wird auf die Sehenswürdigkeiten der Klassik verwiesen. Auffällig ist, dass in nur einer gefundenen Broschüre das Haus von Charlotte von Stein vermerkt ist. In allen anderen Publikationen und auch auf der heutigen Website, findet die enge Freundin Herders, Goethes und Schillers keine Erwähnung – ja, generell bestehen Weimarer Sehenswürdigkeiten, abgesehen von Erwähnungen Anna Amalias, ausschließlich aus den Wohnhäusern weißer Männer: Goethe, Schiller, Liszt, Herder, Cramer, Nietzsche usw.

Über die vergangenen 90 Jahre hat sich also in der Kommunikation der touristischen Attraktionen Weimars nicht viel geändert. Bauhaus und Buchenwald sind später hinzugekommen, konnten der Klassik aber nicht den ersten Rang streitig machen. Unterschiede sind nur in Nuancen erkennbar. In Weimar war und ist die Klassik das wichtigste Identifikationsnarrativ im Stadtmarketing.

Schluss

Damit ist sie Glücksfall und Laster zugleich. Die unvergleichliche Popularität der Kleinstadt wäre ihr anderenfalls nicht beschert worden, jedoch fehlt es bis heute auch an einer Darstellung des zeitgenössischen Weimars. In der Stadt hat man sich entschlossen, nicht nach Alternativen zu suchen, frei nach dem Motto, „never change a winning team“.

Ob heute noch moderne Ideen, mit der Veränderungskraft derer Goethes, in Weimar reifen könnten ist fraglich. Viele Alumni der Bauhaus Universität verlassen das Städtchen in Richtung Berlin. Relativ eindeutig ist jedoch, dass der Nährboden für Veränderung und Innovation 1775, als Goethe in die Stadt kam, ein fruchtbarerer war.

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